Satire: Denkt denn niemand an das Kind? Es hat jetzt Jens Spahn zum Vater!
Berlin diskutiert über Doppelmoral. Das ist ausgesprochen höflich. Doppelmoral setzt schließlich voraus, dass irgendwo zwei Moralen vorhanden sind. Im Fall Jens Spahn gestaltet sich bereits die Suche nach der ersten traditionell schwierig. Was hier sichtbar wird, ist weniger Doppelmoral als ein politischer Einwegmaßstab: einmal auf dem Parteitag feierlich hochhalten, danach am Flughafen entsorgen. Im Februar...
Berlin diskutiert über Doppelmoral. Das ist ausgesprochen höflich.
Doppelmoral setzt schließlich voraus, dass irgendwo zwei Moralen vorhanden sind. Im Fall Jens Spahn gestaltet sich bereits die Suche nach der ersten traditionell schwierig. Was hier sichtbar wird, ist weniger Doppelmoral als ein politischer Einwegmaßstab: einmal auf dem Parteitag feierlich hochhalten, danach am Flughafen entsorgen.
Im Februar beschließt die CDU, dass Leihmutterschaft auch dann verboten bleiben soll, wenn kein kommerzielles Geschäft dahintersteht. Wegen der Würde der Frau. Wegen der Risiken. Wegen des Kindeswohls. Wegen all der hohen Werte, die in Deutschland so streng bewacht werden müssen, dass Jens Spahn vorsichtshalber ins Ausland fuhr, um ihnen nicht zu begegnen.
Von Doppelmoral kann also wirklich keine Rede sein. Dazu hätte Spahn in seinem Leben schon einmal moralische Positionen vertreten müssen. Tatsächlich vertrat er nur eine politische Machtposition und besaß daneben eine private Auslandsoption.
Für die Bevölkerung gilt das Verbot. Für den Fraktionschef gilt der Abflugplan.
Nun erklärt Spahn, er kenne als Christ den Unterschied zwischen der „reinen Lehre“ und dem „echten Leben“. Das ist theologisch ausgesprochen praktisch. Früher bestand das Christentum aus Geboten, Gewissensprüfung und Umkehr. In der modernisierten Spahn-Fassung besteht es aus Geboten für andere, Gewissensprüfung im Podcast und einer Ausnahme mit internationaler Anschlussverbindung.
Das Kamel muss nicht mehr durch ein Nadelöhr. Es fliegt einfach Businessclass darum herum.
Doch während Parteien, Kirchen, Leitartikler und Talkshows über Glaubwürdigkeit, Embryonenschutz und Rücktrittsforderungen diskutieren, wird die entscheidende Frage übersehen:
Denkt denn niemand an das Kind?
Das Kind ist der einzige Mensch in dieser Geschichte, der garantiert nichts falsch gemacht hat. Es hat weder den CDU-Parteitagsbeschluss verfasst noch einen Vertrag abgeschlossen. Es hat keine Presseerklärung vorbereitet, keine politische Position vertreten und keine Ausnahme im Ausland organisiert.
Es kam einfach zur Welt. Und hat nun Jens Spahn zum Vater!
Nicht die Tatsache, dass es zwei Väter hat, ist das Problem. Zwei Männer können selbstverständlich liebevolle und verantwortungsvolle Eltern sein. Auch die Art seiner Geburt macht das Kind weder weniger wertvoll noch weniger schutzwürdig.
Aber es wird den Maskendealer, den Millonenvillendealer, den Machtmenschen und skrupellosesten Rechtsaußen der CDU überall als seinen Vater vorstellen müssen!
Andere Kinder bringen in die Schule einen Stammbaum mit.
Dieses Kind benötigt ein Organigramm, einen Parteitagsbeschluss, das Embryonenschutzgesetz, eine Karte der Vereinigten Staaten und eine PowerPoint-Folie mit dem Titel:
„Reine Lehre und echtes Leben – eine geografische Gegenüberstellung.“
Spätestens in der Pubertät dürfte es schwierig werden. Wenn der Vater sagt: „Regeln gelten für alle“, könnte das Kind fragen: „Auch im Ausland?“ Wenn Spahn antwortet, die Welt sei nicht immer schwarz-weiß, könnte das Kind entgegnen: „Ich habe nach einer Begründung gefragt, nicht nach Farbenlehre.“
Das Kind ist ist perfekt wie es ist. Nicht, weil es von einer Leihmutter ausgetragen wurde. Nicht, weil es zwei Väter hat.
Sondern weil kein Kind die pädagogische Aufgabe übernehmen sollte, Jens Spahn zu erklären, dass ein moralischer Kompass, der ausschließlich für andere Menschen nach Norden zeigt, kein Kompass ist.
Es ist eine Wetterfahne. Und sie dreht sich zuverlässig in Richtung Privileg.
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