Tempo 30 ist der Anfang – Köln braucht den Mut zum Superblock
Die Forderung nach Tempo 30 auf der Neusser Straße ist richtig. Ein neues Verkehrsschild allein schafft jedoch noch keine sichere und lebenswerte Straße. Köln sollte die Geschwindigkeitsbegrenzung mit einem transparenten Superblock-Verkehrsversuch im Agnesviertel verbinden. Die Bezirksvertretung Innenstadt fordert Tempo 30 auf der Neusser Straße zwischen Ebertplatz und Innerer Kanalstraße. Gemeinsam haben Grüne, Linke, SPD und...
Die Forderung nach Tempo 30 auf der Neusser Straße ist richtig. Ein neues Verkehrsschild allein schafft jedoch noch keine sichere und lebenswerte Straße. Köln sollte die Geschwindigkeitsbegrenzung mit einem transparenten Superblock-Verkehrsversuch im Agnesviertel verbinden.
Die Bezirksvertretung Innenstadt fordert Tempo 30 auf der Neusser Straße zwischen Ebertplatz und Innerer Kanalstraße. Gemeinsam haben Grüne, Linke, SPD und Volt die Verwaltung aufgefordert, die Geschwindigkeitsbegrenzung anzuordnen. Sollte das kurzfristig nicht möglich sein, soll sie zunächst in einem auf 14 Monate befristeten Verkehrsversuch getestet werden.
Das ist richtig und längst überfällig.
Auf dem rund 700 Meter langen Abschnitt teilen sich Radfahrende und motorisierter Verkehr heute die Fahrbahn. Engstellen, Schrägparken und unterschiedliche Geschwindigkeiten sorgen für Konflikte. Das Radverkehrskonzept der Innenstadt stuft die Neusser Straße als besonders unfallauffällige Achse ein. Zugleich wird der Bereich im städtischen Lärmaktionsplan als besonders belastet beschrieben. Nachts soll der Lärmpegel deutlich über 65 Dezibel liegen.
Tempo 30 ist deshalb kein ideologisches Symbol und auch keine Schikane gegen Autofahrerinnen und Autofahrer. Es ist eine konkrete Maßnahme für mehr Sicherheit, weniger Lärm und ein berechenbareres Miteinander auf engem Raum.
Wer dort mit dem Fahrrad unterwegs ist, darf nicht darauf angewiesen sein, dass alle anderen Verkehrsteilnehmenden im richtigen Moment aufmerksam reagieren. Wer zu Fuß die Straße überquert, braucht gute Sichtbeziehungen und genügend Zeit. Und wer an der Neusser Straße wohnt, hat ein berechtigtes Interesse daran, nachts nicht dauerhaft dem Lärm eines innerstädtischen Durchgangsverkehrs ausgesetzt zu sein.
Ein Schild verändert noch keinen Straßenraum
Gleichzeitig dürfen wir uns nichts vormachen: Mit einem Tempo-30-Schild allein sind die Probleme nicht gelöst.
Wenn Sichtachsen weiterhin durch parkende Fahrzeuge versperrt werden, wenn riskante Überholmanöver möglich bleiben und wenn Kontrollen nur sporadisch stattfinden, bleiben viele Konflikte bestehen. Eine glaubwürdige Verkehrspolitik muss deshalb Geschwindigkeitsbegrenzung, Straßenraumgestaltung, sichere Querungen, Parkordnung und Kontrollen zusammendenken.
Die Neusser Straße gehört zum Grünen Netz der Stadt. Gerade deshalb sollte Köln sie nicht als isolierten Straßenabschnitt betrachten. Sie ist Teil eines ganzen Quartiers, in dem Menschen wohnen, einkaufen, zur Schule gehen, arbeiten, Rad fahren und ihre Freizeit verbringen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur: “Wie schnell dürfen Autos auf der Neusser Straße fahren?” sondern “Wie wollen wir den gesamten öffentlichen Raum im Agnesviertel künftig organisieren?”
Superblock bedeutet: erreichbar bleiben, Durchgangsverkehr reduzieren
Ein mögliches Vorbild ist das Superblock-Konzept aus Barcelona. Dabei werden mehrere Häuserblöcke zu einem verkehrsberuhigten Quartier verbunden. Der motorisierte Durchgangsverkehr wird auf geeignete Hauptstraßen gelenkt. Innerhalb des Quartiers haben Fuß- und Radverkehr Vorrang.
Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, ein Viertel vollständig für Autos zu sperren. Anwohnerinnen und Anwohner können ihre Häuser weiterhin erreichen. Auch Lieferverkehr, Pflegedienste, Handwerksbetriebe, Menschen mit Behinderungen sowie Feuerwehr und Rettungsdienste müssen zuverlässig Zugang behalten. Verhindert werden soll vor allem, dass Wohnstraßen als Abkürzung für den Durchgangsverkehr genutzt werden.
Zu den möglichen Instrumenten gehören Einbahnstraßen, gezielt platzierte Poller, veränderte Abbiegebeziehungen, Bewohnerparken, Lieferzonen und geschützte Radverbindungen. Frei werdende Flächen können für Bäume, Sitzgelegenheiten, Fahrradstellplätze, Spielmöglichkeiten oder Außengastronomie genutzt werden. Der ADFC weist darauf hin, dass diese einzelnen Instrumente auch in Deutschland bekannt und grundsätzlich einsetzbar sind. Neu ist vor allem ihre Verbindung zu einem quartiersweiten Gesamtkonzept.
Barcelona ist dabei kein Bauplan, den Köln einfach kopieren kann. Unsere Straßen, unsere Verwaltung und unsere Mobilitätsbedürfnisse sind anders. Aber Barcelona zeigt, dass sich öffentlicher Raum neu verteilen lässt, ohne ein Quartier unerreichbar zu machen.
Eine 2025 veröffentlichte Untersuchung der ersten drei Superblocks in Barcelona kommt zu einem differenzierten Ergebnis: Befragte berichteten unter anderem von mehr Ruhe, besserem Wohlbefinden und mehr sozialen Begegnungen. Dort, wo das Verkehrsaufkommen tatsächlich sank, verbesserten sich auch Messwerte zur Luftqualität. Gleichzeitig funktionierten nicht alle Eingriffe gleichermaßen gut. In einzelnen Bereichen blieb zu viel Autoverkehr bestehen. Genau deshalb sind eine sorgfältige Planung und eine ehrliche Auswertung so wichtig.
Ein Kölner Reallabor statt jahrelanger Grundsatzdebatten
Mein Vorschlag ist daher: Köln sollte die Einführung von Tempo 30 auf der Neusser Straße mit einem klar abgegrenzten Superblock-Verkehrsversuch in einem angrenzenden Teil des Agnesviertels verbinden.
Die Maßnahmen sollten zunächst provisorisch, kostengünstig und veränderbar umgesetzt werden. Poller, Pflanzkübel, mobile Sitzgelegenheiten, zusätzliche Fahrradstellplätze und angepasste Verkehrsführungen lassen sich testen, bevor teure dauerhafte Umbauten beschlossen werden.
Vor Beginn des Versuchs müssen belastbare Ausgangsdaten erhoben werden. Während der Erprobung sollte die Stadt transparent veröffentlichen, wie sich Geschwindigkeiten, Verkehrsaufkommen, Lärm, Luftqualität, Erreichbarkeit und Verkehrssicherheit entwickeln. Ebenso muss untersucht werden, ob sich Verkehr lediglich in benachbarte Straßen verlagert.
Auch die Perspektiven des Einzelhandels, der Gastronomie, des Handwerks, der Schulen, der sozialen Einrichtungen und der Anwohnerschaft gehören in die Auswertung. Ein Verkehrsversuch ist keine fertige Wahrheit. Er ist ein Instrument, um Annahmen unter realen Bedingungen zu überprüfen.
Funktioniert eine Maßnahme nicht, muss sie verändert werden. Entstehen an anderer Stelle neue Probleme, muss nachgesteuert werden. Zeigt die Auswertung dagegen nachvollziehbare Verbesserungen, kann Köln daraus ein dauerhaftes Konzept entwickeln.
Das ist keine Politik nach Bauchgefühl. Das ist evidenzbasierte Stadtentwicklung.
Zu einer ehrlichen Debatte gehört auch die soziale Dimension. Wenn Straßen ruhiger, grüner und attraktiver werden, kann dies den Druck auf Mieten und Immobilienpreise erhöhen. Sowohl der ADFC-Beitrag als auch die wissenschaftliche Untersuchung aus Barcelona weisen auf das Risiko hin, dass eine gelungene Aufwertung langfristig zur Verdrängung einkommensschwächerer Haushalte beitragen kann.
Ein Superblock darf deshalb kein isoliertes Prestigeprojekt für besonders wohlhabende Quartiere werden. Verkehrsberuhigung, Mieterschutz, bezahlbares Wohnen und die Unterstützung des ortsansässigen Gewerbes müssen gemeinsam gedacht werden.
Auch die Beteiligung darf nicht erst beginnen, wenn alle Pläne bereits fertig sind. Anwohnerinnen und Anwohner, Gewerbetreibende, Schulen, Seniorinnen und Senioren, Menschen mit Behinderungen sowie Kinder und Jugendliche müssen frühzeitig einbezogen werden. Ihre Alltagserfahrungen sind für eine funktionierende Planung unverzichtbar.
Das Land muss kommunale Innovation ermöglichen
Die konkrete Verkehrsführung auf der Neusser Straße ist eine kommunale Aufgabe. Trotzdem trägt auch das Land Nordrhein-Westfalen Verantwortung.
Städte brauchen ausreichende finanzielle und personelle Möglichkeiten, um Verkehrsversuche professionell zu planen, wissenschaftlich zu begleiten und verständlich auszuwerten. Das Land sollte kommunale Reallabore für sichere und lebenswerte Quartiere fördern und für klare, verlässliche Rahmenbedingungen sorgen.
Dabei darf Düsseldorf den Kommunen nicht vorschreiben, wie jedes einzelne Veedel auszusehen hat. Aber das Land kann ermöglichen, dass gute Ideen nicht an fehlendem Personal, unklaren Zuständigkeiten oder einer nicht finanzierbaren Begleituntersuchung scheitern.
Als Landtagskandidat von Volt werde ich mich dafür einsetzen, dass Nordrhein-Westfalen seine Städte bei solchen datenbasierten Modellprojekten stärker unterstützt. Erfolgreiche Lösungen sollten anschließend nicht in einzelnen Pilotquartieren stecken bleiben, sondern anderen Kommunen als übertragbare Bausteine zur Verfügung stehen.
Nicht gegen Menschen, sondern für eine funktionierende Stadt
Eine gute Mobilitätspolitik spielt Verkehrsmittel nicht gegeneinander aus. Sie erkennt an, dass Menschen unterschiedliche Bedürfnisse haben.
Manche sind auf ein Auto angewiesen. Andere fahren mit der KVB, gehen zu Fuß oder nutzen das Fahrrad. Lieferdienste, Handwerksbetriebe und Pflegedienste brauchen verlässliche Zufahrten. Kinder, ältere Menschen und Menschen mit eingeschränkter Mobilität benötigen besonders sichere Wege.
Die Aufgabe der Politik besteht nicht darin, eine dieser Gruppen gegen die andere auszuspielen. Sie besteht darin, den begrenzten öffentlichen Raum so zu organisieren, dass möglichst viele Menschen sicher, verlässlich und selbstständig an ihr Ziel kommen.
Tempo 30 auf der Neusser Straße ist dafür der richtige Anfang. Jetzt sollte Köln aus einem Tempolimit ein Stadtentwicklungsprojekt machen: transparent geplant, zeitlich befristet erprobt, nachvollziehbar ausgewertet und gemeinsam mit den Menschen vor Ort verbessert.
Nicht irgendwann, sondern jetzt.
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