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Man muss kein Prepper sein. Nur nicht arm.

Der Staat empfiehlt 10 Tage Notvorrat. Bei Armut kostet das 40 % des Essensbudgets. Warum Vorsorge Geld braucht, das fehlt. Wofür es da war!

Pinf2000
Nov 5, 202624 min read
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Der Staat empfiehlt 10 Tage Notvorrat. Bei Armut kostet das 40 % des Essensbudgets. Warum Vorsorge Geld braucht, das fehlt – und wofür es da war.

Erstveröffentlicht: November 2026 · 1. Fassung

Ein Artikel über zehn Tage Vorrat, eine Empfehlung ohne Budget – und die lange Erfahrung, dass Vorsorge Geld kostet, das fehlt.

Die Bundesregierung will, dass alle vorsorgen. Zehn Tage Essen, Wasser, Taschenlampe, Kurbelradio. Für Menschen in Armut ist der Notvorrat kein Ratschlag. Er ist eine Rechnung ohne Konto.

Zehn Tage. Aus welchem Topf?

Stellen Sie sich vor, der Strom fällt aus. Nicht für eine Stunde. Für Tage. Die Gefriertruhe taut, der Supermarkt bleibt zu, das Handy zeigt noch zwölf Prozent.

Der Plan: Sie.

Für diesen Fall hat der Staat einen Plan. Er heißt: Sie.

Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) empfiehlt jedem Haushalt, sich zehn Tage selbst versorgen zu können. Das ist vernünftig. Es hat nur einen Haken, der in keiner Broschüre steht: Vorsorge kostet Geld. Und zwar heute, für einen Tag, der vielleicht nie kommt.

Wer heute nicht genug hat, kauft nicht für morgen.

💬 Frage an die Lesenden: Öffnen Sie jetzt Ihren Kühlschrank und Ihre Vorratsschränke. Zählen Sie. Wie viele Tage kämen Sie damit aus, ohne Strom, ohne Laden, ohne Lieferdienst? Und jetzt stellen Sie sich vor, das ist alles, was Sie am 20. des Monats noch haben.Wie fühlen Sie sich?

„Wer das hat, sorgt vor“

Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) fand im Oktober 2025, eins müsse kein Prepper sein, um ein paar Tage Vorrat, Taschenlampe, Batterien oder Kurbelradio für vernünftig zu halten. Sein Fazit, laut dpa: „Wer das hat, sorgt nicht für Panik – er sorgt vor.“

Die Bevölkerung sieht der Minister bei der Vorsorge ausdrücklich in der Mitverantwortung, mit Vorräten an Lebensmitteln und Wasser. Er selbst, ließ er wissen, habe auch ein Kurbelradio zu Hause.

Schön für ihn.

Für den Bevölkerungsschutz sieht der Pakt der Bundesregierung zehn Milliarden Euro bis 2029 vor. Gemeint sind Warnsysteme, Fahrzeuge und Trinkwassernotversorgung. Für den privaten Vorrat derer, die ihn nicht bezahlen können, ist darin nichts vorgesehen. Da bleibt es beim Appell.

Wer das hat, sorgt vor. Wer es nicht hat, wird ermahnt.

Faktencheck: Was der Notvorrat kostet

Die BBK-Empfehlung lautet: Vorrat für zehn Tage, rund 2.200 Kilokalorien pro Person und Tag und 2 Liter Flüssigkeit. Davon ist ein halber Liter zum Kochen gedacht.

Was das kostet, haben Jugendliche aus meinem Projekt Jugend bewegt Trier-West im September 2026 nachgerechnet, Produkt für Produkt an der Kasse in Trier: 83,27 Euro für eine Person, mit Pfand. Die Verbraucherzentrale Sachsen kam bei einem Marktcheck mit Preisen vom August 2024 auf 75,65 Euro. Zwei Jahre später ist derselbe Vorrat also spürbar teurer.

Im Regelbedarf der Grundsicherung (SGB II wie SGB XII) sind für Essen und Trinken 195,36 Euro im Monat vorgesehen. Der Notvorrat kostet also 40,8 Prozent des monatlichen Essensbudgets. Zusätzlich zum laufenden Einkauf.

Für Familien wird es nicht leichter, nur größer. Kinder haben je nach Alter einen anderen Regelsatz, und damit einen anderen Betrag für Essen. Für zehn Tage heißt das:

Eigene Berechnung nach den Anteilen für Nahrungsmittel und Getränke in den Regelbedarfsstufen 2024–2026.
HaushaltEssensbudget für 10 Tage laut Regelsatz
Alleinstehend65,12 €
Mutter mit zwei Kindern (4 und 10 Jahre)155,12 €
Mutter mit drei Kindern (2, 9 und 15 Jahre)224,49 €
Zwei Erwachsene, zwei Kinder (4 und 10 Jahre)207,16 €
Zwei Erwachsene, zwei Kinder (10 und 15 Jahre)237,50 €

Allein Essen und Wasser kosten für eine vierköpfige Familie zwischen rund 213 und 333 Euro, je nach Laden. Für die Technik von der BBK-Checkliste kommen 169 bis 194 Euro dazu. Das sind Taschenlampen, Batterien, Powerbank, Kurbelradio, Gaskocher mit Kartuschen, Wasserdesinfektion, Erste Hilfe und Hygiene. Macht rund 380 bis über 520 Euro, einmalig. Danach muss regelmäßig nachgekauft werden.

Mit einem Kleinkind kommt mehr dazu: Säuglingsmilch, Wasser für die Fläschchen, Brei, rund 70 bis 80 Windeln und Feuchttücher. Und ohne Strom lässt sich kein Fläschchen abkochen. Der Gaskocher ist dann kein Extra, sondern Pflicht. Trinkfertige Babymilch kommt ohne Kochen aus, kostet aber deutlich mehr.

Auch an Haustiere soll beim Vorrat gedacht werden, so steht es in der Empfehlung. Wie das bezahlt werden soll, steht dort nicht. Ein Hund mit 20 Kilo braucht in zehn Tagen 10 bis 20 Liter Wasser, dazu Futter und gegebenenfalls Medikamente.

Und dann ist da noch das Wasser selbst. Die 1,5 Liter zum Trinken sind die Untergrenze. Ich brauche drei Liter am Tag. Mit Kochwasser sind das für zehn Tage 35 Liter, also 24 Flaschen mit zusammen gut 36 Kilo. Die trägt eins ohne Auto nicht mal eben nach Hause. Wasser für Zähneputzen, Waschen und Geschirr fehlt in der Rechnung ganz.

Eine Position für all das gibt es im Regelsatz nicht. Als ein Leistungsbezieher 2020 beim Jobcenter einen Vorschuss für genau diesen Vorrat beantragte, lehnte das Sozialgericht Konstanz ab: Der Regelsatz decke das ab (Beschluss vom 02.04.2020, Az. S 1 AS 560/20 ER).

Der Regelsatz deckt also ab, wofür er nie berechnet wurde.

Katastrophenvorsorge wurde nicht gestrichen. Sie war nie da.

💬 Frage an die Lesenden: Rechnen Sie nach. 83,27 Euro für zehn Tage Vorrat, und das bei rund 195 Euro im Monat für alle Lebensmittel. Woran würden Sie sparen: am Frühstück Ihrer Kinder, am Obst, an der warmen Mahlzeit? Sagen Sie es laut. Dann hören Sie, was die Politik von Ihnen verlangt.

Notvorrat bei Armut: Was in der Liste fehlt

Die BBK-Liste zählt auf, was in den Vorrat gehört. Sie zählt nicht auf, was eins braucht, um ihn überhaupt anzulegen:

  • Platz. Keller, Abstellraum, Speisekammer. Wer in einer kleinen Wohnung lebt, stapelt Wasserkisten neben dem Bett.

  • Startkapital. Auch die angeblich kostenlosen Wege brauchen Geld: Einkochen und Dörren gehen nicht ohne Gläser, Deckel, Zutaten und Energie.

  • Kraft. „Regelmäßig verbrauchen und ersetzen“ klingt nach einem Halbsatz. Es ist eine Daueraufgabe, und sie fällt genau dann aus, wenn eins krank oder erschöpft ist. Armut macht krank, Krankheit macht arm.

  • Kühlung ohne Strom. Wer auf Insulin oder andere kühlpflichtige Medikamente angewiesen ist, braucht mehr als eine Konserve. Stromlose Verdunstungskühltaschen kosten einmalig rund 30 bis 65 Euro. Für Lebensmittel gibt es eine alte, einfache Lösung: einen Kühler aus zwei unglasierten Tontöpfen mit nassem Sand dazwischen, wie er für Regionen ohne Strom entwickelt wurde. Selbst gebaut kostet er rund 15 bis 25 Euro. Er funktioniert am besten bei trockener Luft und ersetzt keinen Kühlschrank für Medikamente. Aber er zeigt, was mit Wissen möglich ist, wenn wenigstens das Geld für zwei Töpfe und einen Sack Sand da ist.

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  • Mobilität. Ein Großeinkauf ohne Auto heißt: schleppen, mehrmals fahren, Ticket bezahlen.

  • Guthaben. Eine Powerbank nützt wenig, wenn auf dem Prepaid-Handy kein Guthaben mehr ist.

  • Eine Wohnung. Für wohnungslose Menschen gibt es keinen Vorrat. Keinen Keller, keinen Schrank, keine Ecke.

💬 Frage an die Lesenden: Gehen Sie durch Ihre Wohnung und suchen Sie einen Platz für 20 Liter Wasser, 3,5 Kilo Getreide und Konserven für zehn Tage. Gefunden? Gratulation, Sie haben Platz. Und jetzt rechnen Sie aus, was Ihre Wohnung pro Quadratmeter kostet und was das Jobcenter davon für angemessen hält.

Die Empfehlung gilt für alle. Die Voraussetzungen haben nicht alle.

Es trifft nicht nur die Grundsicherung

Wer jetzt denkt, das sei ein Problem von „denen im Jobcenter“: Es betrifft uns weit darüber hinaus. Fast ein Drittel der Bevölkerung, 31,9 Prozent, konnte im vergangenen Jahr laut Statistischem Bundesamt eine unerwartete Ausgabe von 1.150 Euro nicht aus eigenen Mitteln bezahlen. Das sind Beschäftigte mit kleinem Lohn, Rentnerinnen und Rentner, Alleinerziehende. Menschen knapp über der Armutsgrenze, die keinen Anspruch auf Hilfe haben, aber auch keinen Puffer.

Und der Puffer schmilzt. Laut einer aktuellen Umfrage für die Postbank greifen über 40 Prozent der Menschen auf ihre Ersparnisse zurück, um den Alltag zu bezahlen. Fast jeder Siebte hat gar keine Rücklagen mehr. Allein die Energie war im September fast 15 Prozent teurer als ein Jahr zuvor.

Wer gespart hat, spart meist fürs Alter. Wer dieses Geld jetzt für Strom und Lebensmittel braucht, zahlt die Krise von heute mit der Sicherheit von morgen.

Für Vorsorge bleibt dann nichts. Weder für zehn Tage noch für zwanzig Jahre.

💬 Frage an die Lesenden: Schauen Sie auf Ihren Kontostand am 25. des Monats. Wie viele unerwartete Rechnungen verträgt er noch: eine, zwei, keine? Wer jetzt kurz geschluckt hat, ist nicht allein. Wer nicht geschluckt hat, sollte wissen, wie schnell sich das ändern kann.

Wenn das Wetter die nächste Rechnung schreibt

Und dann ist da noch das Wetter. Der Sommer 2026 war nach vorläufiger Auswertung des Deutschen Wetterdienstes der zweitwärmste, der in Deutschland je gemessen wurde, dazu deutlich zu trocken. Es gab doppelt so viele Waldbrände wie im Durchschnitt. Der Bauernverband rechnet mit 41,9 Millionen Tonnen Getreide, rund 7 Prozent weniger als 2025. Im Süden und Westen gab es Missernten, besonders in der Eifel, bei Kartoffeln, Mais, Obst und Gemüse bis hin zu Totalausfällen.

Auch das Tierfutter ist knapp. Auf vielen Wiesen wuchs nach dem ersten Schnitt kein Gras mehr nach. Manche Betriebe verfüttern schon jetzt, was eigentlich für den Winter gedacht war, und der Bauernverband erwartet, dass einige ihre Tierbestände verkleinern müssen. Kurzfristig kann das Fleisch sogar günstiger machen, weil mehr Tiere auf einmal geschlachtet werden. Langfristig bedeutet es weniger Tiere, weniger heimische Erzeugung, mehr Importe über längere Transportwege und Höfe, die aufgeben. Mit ihnen gehen Arbeitsplätze auf dem Land verloren.

Wie das vor Ort aussieht, habe ich selbst gesehen. Rheinland-Pfalz gehörte im Sommer laut Wetterdienst zu den drei heißesten Bundesländern. Auf dem Weg nach Wittlich bin ich an Maisfeldern vorbeigefahren, auf denen der Mais kaum gewachsen und nicht ausgereift war. An Weiden, die braun statt grün waren. An Bauern, die Wassereimer zu ihrem Vieh geschleppt haben und zufüttern mussten.

15. August 2026, zwischen Greverath und Gladbach in der Eifel: Mit 1,60 Meter schaue ich über den Mais hinweg. Normal wären um diese Zeit 2,5 bis 3 Meter. In der Luft hängt der Rauch aus dem Hohen Venn. Foto: Nicola Dülk

Unser Dorfbauer hat mir beim Kartoffelkauf erzählt, dass seine Ernte um die Hälfte kleiner ausgefallen ist, und das sei nicht nur bei ihm so, sondern deutschlandweit. Ohne Wasser sind die Knollen einfach nicht gewachsen. Gleichzeitig kommen Menschen zu ihm, die vorher nie bei ihm gekauft haben und kaufen Mengen, die zeigen: Sie legen Vorrat für den Winter an. Die halbe Ernte wird also schneller leer. Wer früh und viel kaufen kann, ist versorgt. Wer erst am Monatsende Geld hat, findet vielleicht nur noch leere Kisten.

An der Kasse kommt das an. Frisches Gemüse war im September zwölf Prozent teurer als ein Jahr zuvor, Eier gut 15 Prozent. Kartoffeln ziehen bereits an. Also genau das, woraus eine günstige, gesunde Küche besteht.

Und es ist nicht nur unsere Ernte. Ein großer Teil unseres Obsts, Gemüses und Speiseöls kommt aus Spanien, Italien, Portugal und Griechenland. Genau dort haben in diesem Sommer Waldbrände gewütet, in Spanien auf mehr als doppelt so viel Fläche wie im Durchschnitt, in Frankreich so schlimm wie seit über zehn Jahren nicht. Die Feuer haben Wälder, Weiden und Ackerflächen getroffen. In Teilen Spaniens musste die Ernte unterbrochen werden.

Waldbrände im Sommer 2026

Am 15. August 2026 stand bei uns in Kordel die Sonne orange im Rauch. Er kam aus dem Hohen Venn, wo der größte Waldbrand der belgischen Geschichte wütete, rund 100 Kilometer entfernt. Die Klimakrise ist nicht mehr irgendwo. Sie zieht durchs Tal.

Kordel bei Trier, 15. August 2026: Der Rauch der Großbrände im Hohen Venn und im Hürtgenwald liegt über dem Tal. Die Brände sind rund 100 Kilometer entfernt. Foto: Nicola Dülk

Wie nah das ist, habe ich über eine Freundin erfahren. Sie hat über eine Plattform Bäume bei einem Bauern in Südeuropa adoptiert und bekommt von dort jedes Jahr einen Teil der Ernte. In diesem Sommer kam stattdessen eine Nachricht: Mindestens einer ihrer Bäume ist den Flammen zum Opfer gefallen. Für sie ist das ein Verlust. Für den Bauern ist es seine Existenz.

Auf dem Weltmarkt kommt das an. Die Lebensmittelpreise der UN-Ernährungsorganisation FAO stehen so hoch wie seit Ende 2022 nicht mehr, Getreide und Pflanzenöle kosten rund ein Sechstel mehr als vor einem Jahr. Es fehlt nicht an Lebensmitteln. Aber sie werden teurer, und zwar zuerst für die, die jeden Euro umdrehen müssen.

Und noch etwas geht verloren, ohne dass es in einer Statistik auftaucht. Wer wenig Geld hat, hat sich immer auch mit dem geholfen, was die Natur hergibt: Beeren, Obst, Kräuter vom Wegesrand. Ich selbst konnte in diesem Jahr weder Holunder noch Brombeeren pflücken. Die Beeren sind vor der Reife vertrocknet. Für mich heißt das: keine Marmelade, kein Saft, kein Sirup für den Winter. Ein Loch im Vorrat, das ich jetzt mit Geld füllen müsste, das nicht da ist. Ist es nicht die Hitze, dann ist es das nächste Extremwetter.

Der Klimawandel trifft die zuerst, die nichts zuzukaufen haben.

💬 Frage an die Lesenden: Gehen Sie an den Strauch, die Wiese oder den Acker in Ihrer Nähe, an dem Sie früher geerntet oder einfach vorbeigelaufen sind. Was steht da noch? Und was hat das Gemüse im Supermarkt in diesem Herbst gekostet? Die Klimakrise schreibt keine Schlagzeilen mehr. Sie schreibt Kassenbons.

Wissen, das hilft – und Kurse, die verschwinden

Was viele Menschen jetzt brauchen, ist kein erhobener Zeigefinger, sondern handfestes Wissen. Wie lagere ich Lebensmittel ohne Keller und ohne Strom? Wie koche ich ein, was ich ohnehin verbrauche, damit der Vorrat nebenbei wächst? Wie wird aus Resten eine Mahlzeit? Wie spare ich Kochwasser und Energie? Vieles davon wussten unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern noch. Sie mussten es wissen, um über die Runden zu kommen.

Genau dieses Wissen geben Kochkurse weiter. Für Familien, für Seniorinnen und Senioren, für Singles, für alle, die mit wenig Geld gut für sich sorgen wollen. Eine Teilnehmerin meiner Kurse hat sich ausdrücklich einen Kurs zur Krisenvorsorge mit kleinem Geldbeutel gewünscht. Der Bedarf ist da.

Flyer der Familienkochkursreihe des Hauses der Familie in der Kulturgießerei Saarburg. Es war ein kostenloses Angebot für Familien mit Kindern ab 4 Jahren, gefördert vom Ministerium für Familie, Frauen, Kultur und Integration Rheinland-Pfalz. Die Kursreihe wird nicht weiter gefördert.

Und in diesen Kursen passiert mehr als Kochen. Die Teilnehmenden bringen selbst einen Schatz mit: Erfahrungen, Rezepte, Kniffe, die sie über Jahre gesammelt haben, oft unschlagbar praktisch. Wer mit wenig Geld lebt, ist Expertin oder Experte für genau dieses Leben. Solche Treffen sind eine Fundgrube an Wissen, und jede und jeder geht mit etwas nach Hause, das kein Ratgeber hergibt. Menschen kommen ins Gespräch, merken, dass sie nicht allein sind, und finden in einem geschützten Raum oft auch Hilfe für ganz andere Sorgen.

Gleichzeitig laufen genau solche Angebote aus, weil die Fördermittel wegfallen. Die Politik ruft zur Vorsorge auf und streicht die Orte, an denen Menschen lernen, wie Vorsorge mit wenig Geld geht.

Dabei muss eins ehrlich bleiben: Ein Kurs ersetzt kein Geld. Wer kein Glas kaufen kann, kocht nichts ein, egal wie gut er es gelernt hat. Aber Wissen sorgt dafür, dass jeder Euro, der da ist, weiter reicht.

Wissen macht den Vorrat klüger. Geld macht ihn erst möglich.

💬 Frage an die Lesenden: Fragen Sie Ihre Eltern, Großeltern oder die alte Nachbarin, wie sie früher Vorrat angelegt haben. Schreiben Sie es auf, bevor es niemand mehr weiß. Denn die Kurse, in denen das weitergegeben wurde, werden gerade gestrichen.

Für Tankrabatt, Masken und Diäten war Geld da

Wer sagt, für so etwas sei kein Geld da, sollte sich ansehen, wofür Geld da war.

Seit Oktober 2026 gilt der zweite Tankrabatt des Jahres. Er entlastet Autofahrer um bis zu 16,7 Cent pro Liter, kostet Bund und Länder aber rund 2,78 Milliarden Euro in drei Monaten. Wie viel davon an der Zapfsäule ankommt, ist umstritten. Laut ifo-Institut ging beim Diesel ein Teil davon bei den Mineralölkonzernen verloren. Laut Oxfam haben die führenden Mineralölkonzerne ihre Gewinne im zweiten Quartal 2026 gegenüber dem ersten verdoppelt. Wer kein Auto hat, bekommt vom Tankrabatt gar nichts.

Dann die Masken. Laut Bundesrechnungshof gab das Gesundheitsministerium bis 2024 für 5,8 Milliarden Schutzmasken rund 5,9 Milliarden Euro aus. Nur 1,7 Milliarden davon wurden im Inland verteilt. Mehr als die Hälfte wurde vernichtet oder muss noch vernichtet werden. Der Rechnungshof spricht von einer „massiven Überbeschaffung“. Allein die Folgekosten für Lager, Vernichtung und Anwälte lagen 2025 bei 45 Millionen Euro. Dazu kommen rund 100 Klagen von Lieferanten über zusammen 2,3 Milliarden Euro.

Und die Diäten. 2025 stiegen sie um 606 Euro im Monat. Das ist mehr als der gesamte Regelsatz, von dem ein Mensch in der Grundsicherung leben soll. Der Regelsatz selbst blieb 2025 unverändert, 2026 ebenso.

Und jetzt die Gegenrechnung. Rund 5,2 Millionen Menschen beziehen Grundsicherungsgeld nach dem SGB II, dazu kommen rund 1,28 Millionen in der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung nach dem SGB XII. Ein Notvorrat zum Preis aus dem Jugendprojekt für alle rund 6,5 Millionen Menschen kostet einmalig rund 540 Millionen Euro.

Der zweite Tankrabatt kostet das Fünffache, und zwar in drei Monaten. Der Maskeneinkauf kostete fast das Elffache. Und allein mit den Folgekosten der Masken aus dem Jahr 2025 ließen sich rund 540.000 Notvorräte bezahlen.

Für volle Tanks und vernichtete Masken war Geld da. Für volle Vorratsschränke nicht.

💬 Frage an die Lesenden: Rechnen Sie nach. Was hätte das Geld für eine einzige Fehlentscheidung bewirkt, wenn es bei den Menschen angekommen wäre, die jeden Euro dreimal umdrehen? Und dann fragen Sie sich, warum ausgerechnet die Ärmsten immer zuerst sparen sollen.

Meine lange Probephase

Ich habe es versucht. Jahrelang. Angefangen hat es 2020, mit Corona. Und kaum hatte sich das gelegt, kam 2022 der Krieg in der Ukraine, und es ging nahtlos weiter. Diesmal war es das Speiseöl, das kaum noch zu bekommen war. Eine Krise löste die nächste ab, und jedes Mal waren die günstigen Grundnahrungsmittel zuerst weg.

Mein Weg führte zuerst über Foodsharing. In einer Facebook-Gruppe sammelten Leute übrig gebliebene Lebensmittel ein und stellten sie bei sich zu Hause zur Abholung bereit. Wer etwas abbekommen wollte, musste sehr schnell sein und ein Auto haben, denn die Wege waren weit. Dazu kamen die offenen Kühlschränke und Regale, in die jede und jeder übrige Lebensmittel stellen und sich daraus nehmen kann.

Später habe ich angefangen, Rettertüten zu kaufen. Too Good To Go gab es in unserer Region damals kaum, das hat sich inzwischen geändert. Heute kaufen wir viel darüber ein. Aber auf dem Land lohnt es sich nur, wenn ein Laden mehrere Tüten auf einmal anbietet, vier oder fünf, damit sich die Fahrt rechnet.

Notvorrat Armut – Erfolge und Misserfolge

Und dann beginnt die eigentliche Arbeit. Gerettete Lebensmittel müssen sofort verarbeitet werden. Einfrieren, trocknen, einkochen. Sind viele Suppenzutaten dabei, koche ich eine Brühe und koche sie ein. Wer dafür an dem Tag keine Zeit und keine Kraft hat, hat verloren, und das Essen auch.

Und natürlich ist vieles schiefgegangen. Manchmal hatte ein Lebensmittel eine Schadstelle, die ich übersehen hatte, und die Gläser gingen nach dem Einkochen wieder auf. Manchmal kam etwas dazwischen, und was ich gerettet hatte, verdarb, bevor ich es verarbeiten konnte. Im Sommer, wenn es in der Küche warm ist, geht das schnell.

Dann die Frage nach dem Platz: Wo bringe ich das alles unter, und was muss dafür weichen? Gläser und Flaschen habe ich über Kleinanzeigen besorgt. Manche waren doch nicht zu gebrauchen, für andere mussten neue Deckel her.

Juli 2024: Die Hecke trägt. August 2026, mitten in der Erntezeit: vertrocknet am Strauch. Fotos: Nicola Dülk

Das Obst, das ich über mundraub.org unterwegs sammeln konnte, wurde mit jedem heißeren Sommer weniger. Und wenn ich Äpfel gesammelt hatte, fehlte manchmal die Zeit, sie rechtzeitig zu verarbeiten. Oder es fehlte das Geld für das, was dazugehört: Zimt, Vanille, Gewürze. Ein Eintopf braucht mehr als das Gemüse aus der Rettertüte.

Selbst was ich spare, kostet. Mein Gemüsebrühpulver mache ich selbst, damit ich keins mit unnötigen Zusatzstoffen kaufen muss. Aber auch dafür brauche ich Gemüse, Zeit zum Trocknen und Strom. Und damit sind wir wieder bei den Energiekosten. Da können die Geräte noch so sparsam sein: Haltbarmachen kostet Energie.

💬 Frage an die Lesenden: Schreiben Sie einen Tag lang auf, wie viel Zeit, Kraft und Strom es Sie kostet, billig zu essen: Angebote suchen, Rettertüten abholen, schnell verarbeiten, einkochen. Und dann sagen Sie mir, wer noch behauptet, Armut sei eine Frage von Faulheit.

Notvorrat Armut – Wohlstandsverwahrlost & Lifestyle Hobby

Neulich wurde mir vorgeworfen, mein Einkochen sei ein Lifestyle-Hobby, ich sei wohlstandsverwahrlost. Dabei ist Einkochen eine der ältesten Strategien von Haushalten mit wenig Geld: kaufen oder sammeln, wenn es billig ist, haltbar machen, später essen. Zum Lifestyle wurde es erst, als es niemand mehr brauchte. Bei den einen heißt Vorsorge Nachhaltigkeit. Bei uns heißt sie Verdacht.

Was ich dabei vor allem angehäuft habe, ist Wissen: wie sich was verarbeiten lässt und was eins alles selbst machen kann. Was am Ende funktioniert hat, war kein Sonderprojekt, sondern Alltag: Vorsorge dort einbauen, wo ich ohnehin koche. Wer Marmelade, Sugo oder Brot im Glas sowieso braucht, macht etwas mehr, wenn die Zutaten günstig sind. So wächst ein Vorrat nebenbei mit.

Aber auch das setzt etwas voraus: einen kurzen Überschuss im Monat, Gläser, Zeit und Kraft. In Krankheitsphasen bin ich genau daran mehrfach gescheitert. Der Vorrat war ein Segen, solange er da war. Dann war er aufgebraucht und musste mit Geld, Zeit und Kraft neu aufgebaut werden, die wieder fehlten.

Notvorrat Armut – Flutkatastrophe 2021

Im Sommer 2021 kam die Flut nach Kordel. Tagelang kein Strom. Der gesamte Vorrat im Keller und im Kühlschrank verdarb. Die Kinder kamen bei Freunden unter. Zur Schule konnten sie nicht, weil kein Zug fuhr und der Tank leer war. Mein Prepaid-Handy war die einzige Informationsquelle: Wo gibt es Hilfe, wie beantrage ich sie? Für mich und für Nachbarn. Und das Guthaben wurde knapp.

Es hat Jahre gedauert, bis wieder so viel Vorrat da war, dass jeden Tag eine warme Mahlzeit möglich war.

Das war keine fehlende Disziplin. Das war eine fehlende Ressource.

Morgen, am 6. November, spreche ich im Bundestag beim Forum Ernährungsarmut der Grünen-Bundestagsfraktion. Danach mache ich die Probe aufs Exempel: Ich kaufe die BBK-Liste mit meiner Reiseerstattung ein, in einem einzigen Laden, ohne Preisvergleich, so wie Betroffene wirklich einkaufen. Den Bon zeige ich hier. Und ja: Ich kann diesen Vorrat nur anlegen, weil Geld von außen kommt.

Wo kein Geld ist, ist keine Vorsorge möglich.

Die Generalprobe hatten wir schon

Was passiert, wenn alle gleichzeitig vorsorgen, haben wir 2020 erlebt. Corona war die Generalprobe für genau das Szenario, für das der Notvorrat gedacht ist: Hamsterkäufe, leere Regale, steigende Preise, Ausgangsbeschränkungen.

Ich erinnere mich genau an den Anfang. Mir blieb nichts anderes übrig, als das zu verarbeiten, was überhaupt noch in den Regalen lag. Die günstigen Grundnahrungsmittel waren als Erstes weg, denn viele Menschen legten Vorräte an und griffen dafür zu den billigen Produkten. Mehl, Nudeln, Öl: Alles, was eins wirklich dringend braucht, war ausverkauft. Die Regale waren leer.

Leere Supermarktregale für Grundnahrungsmittel wie Mehl und Nudeln zu Beginn der Corona-Pandemie 2020. Günstige Produkte waren als Erstes ausverkauft – für Menschen mit wenig Geld blieb kaum etwas.

Meine Kinder erzählten mir damals vom Einkauf beim örtlichen Discounter. Mehl gab es kaum, und wenn, dann wurde es nur in haushaltsüblichen Mengen abgegeben, ein oder zwei Kilo. Also wichen die Leute aus. Sie kauften Haferflocken in großen Mengen, um daraus selbst Mehl zu mahlen, Brot zu backen, Porridge zu kochen oder Hafermilch anzusetzen. Damit verschwand auch das nächste günstige Grundnahrungsmittel aus den Regalen.

So läuft es in jeder Krise: Fehlt ein Produkt, greifen alle zur nächsten günstigen Alternative, bis auch die weg ist. 2022 wiederholte sich das beim Speiseöl, als Supermärkte die Abgabe rationierten. Was übrig bleibt, ist teurer. Wer Geld hatte, konnte ausweichen. Wer keins hatte, stand vor leeren Regalen. In der Krise standen wir plötzlich in Konkurrenz mit allen, die sich mehr leisten konnten. Vielerorts schlossen die Tafeln. Schul- und Kitaessen fiel weg.

In der Krise zeigt sich nicht, wer vorsorgt. Sondern wer es sich leisten konnte.

💬 Frage an die Lesenden: Erinnern Sie sich an 2020 und die leeren Regale. Was haben Sie damals gehamstert, und was haben Sie gesucht und nicht bekommen? Wer damals Geld hatte, hat gekauft. Wer keins hatte, stand vor leeren Regalen. Das war die Generalprobe. Die Premiere steht noch aus.

 

Faktenbasierter Vortrag zu Lebensmittelpreisen, Kaufkraft und Grundsicherung – für Fachkräfte, Multiplikator:innen und Bildungseinrichtungen.

 

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Was es jetzt braucht

Wenn der Staat Vorsorge zur Mitverantwortung aller erklärt, muss er sie für alle möglich machen:

  • Eine einmalige Vorsorgehilfe im SGB II und SGB XII, die den Aufbau eines Notvorrats tatsächlich finanziert. Als Zuschuss, nicht als Darlehen, das wieder vom Regelsatz abgezogen wird.
  • Einen Regelsatz, der einen Puffer zulässt. Wer jeden Monat bei null landet, legt keinen Vorrat an, egal wie gut er informiert ist.
  • Entlastung, die bei Menschen knapp über der Armutsgrenze ankommt. Nicht per Tankrabatt für alle, sondern gezielt dort, wo das Geld für Strom, Essen und Vorsorge fehlt.
  • Vorsorge für die, die selbst nicht vorsorgen können: wohnungslose Menschen, chronisch Kranke, Familien mit Kleinkindern, Menschen ohne Auto auf dem Land. Sie gehören in die zehn Milliarden, nicht in die Fußnote.
  • Dauerhafte Förderung für Kurse, die Wissen zu Vorsorge, Lagerung und günstigem Kochen weitergeben, kostenlos und wohnortnah.

Herr Dobrindt, Sie haben ein Kurbelradio. Schön. Als Minister und Abgeordneter erhalten Sie rund 25.000 Euro brutto im Monat. Das ist mehr als das 40-Fache des Regelsatzes. Den Notvorrat für 83,27 Euro haben Sie nach gut einer halben Stunde Arbeit verdient.

Auch nach Ihrem Ausscheiden sind Sie gut versorgt. Als ehemaligem Minister steht Ihnen ein Ruhegehalt von mindestens 4.990 Euro im Monat zu, dazu kommt die Altersentschädigung als Abgeordneter. Eigene Beiträge in die Rentenversicherung haben Sie dafür nicht gezahlt. Wer dagegen ein Leben lang einzahlt, muss sich anhören, die Rente sei nicht mehr finanzierbar. Und wer in der Grundsicherung lebt, soll von 6,51 Euro am Tag noch Vorsorge betreiben.

Rechnen Sie uns doch einmal vor, in welchem Monat das gehen soll. Für eine Person 83 Euro. Für eine Mutter mit drei Kindern über 400 Euro. Wir warten.

Wer Vorsorge predigt und das Geld dafür verweigert, betreibt keinen Bevölkerungsschutz. Sondern Bevölkerungsappell.

Man muss kein Prepper sein. Man muss es sich nur leisten können.

💬 Frage an die Lesenden: Erklären Sie einem Kind, warum im Schrank nur für drei Tage Essen steht und nicht für zehn, obwohl die Regierung es empfiehlt. Finden Sie die richtigen Worte? Dann schicken Sie sie nach Berlin. Dort fehlen sie offenbar.
📋 Hinweis zur Sorgfalt:
Dieser Artikel wurde nach bestem Wissen und Gewissen recherchiert, mit Quellenangaben versehen und mehrfach gegengelesen. Dennoch gilt: Gesetzesvorhaben, Zahlen und politische Ankündigungen können sich kurzfristig ändern — besonders bei einem Thema, das sich Woche für Woche weiterentwickelt. Sollte sich an einer Stelle ein Fehler eingeschlichen haben oder eine Zahl überholt sein, freue ich mich über einen Hinweis. Für individuelle Rechtsfragen zu eigenen Ansprüchen ersetzt dieser Artikel keine Beratung — wenden Sie sich dafür an Ihr Jobcenter, eine Schuldnerberatung, den Sozialverband Ihrer Wahl oder Beratungsstellen wie Tacheles e.V.
Quellen & weiterführende Links

Alle Links wurden zum Zeitpunkt der Veröffentlichung geprüft.

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