Skip to content

Zoltán Szilágyi

Ich weiß noch, dass mir in der Grundschule irgendwann ein Neuling auffiel. Er hatte einen ziemlich runden Bürstenschnitt, der nicht zu seiner verschmitzten Art passte, hätte an den Seiten einfach kürzer sein müssen, frecher. Er hatte einen wachen Blick, so einen, bei dem man darauf achtet, weil man das Blicken kennt. Da ist ein großes...

Ibbtown 🦋
Aug 28, 20263 min read

ch weiß noch, dass mir in der Grund­schule irgend­wann ein Neul­ing auffiel. Er hat­te einen ziem­lich run­den Bürsten­schnitt, der nicht zu sein­er ver­schmitzten Art passte, hätte an den Seit­en ein­fach kürz­er sein müssen, frech­er. Er hat­te einen wachen Blick, so einen, bei dem man darauf achtet, weil man das Blick­en ken­nt. Da ist ein großes Inter­esse an der Welt, aber auch Zweifel. Zweifel am Dazuge­hören, am Wohinge­hören, an der Erdung sein­er selb­st, eine Suche nach irgend­was, was Halt gibt. Das ist nichts, was ein Viertk­lässler so denkt, aber es ist eine Ahnung, die kleine Kinder haben. Weil sie das ken­nen.

Und wie jed­er Kleine, der so wach und intel­li­gent ist, spielte Zoltán mit Worten, mit Sätzen. Er wurde später ein Meis­ter der vergeigten Pointe, er set­zte krude Sachen in die Welt mit dem Blick: Da! Bid­de! Mach was draus! Wer einen Witz über ihn ver­suchte, scheit­erte meist daran, dass Zoltán den Witz noch mehr ins Absurde steigerte.

„Zoltán, wusstest du eigentlich, dass die Frau von Graf Drac­u­la eine geborene Szilá­gyi war?“

- „Ja, aber wir beißen nicht jeden.“

Trock­en­er Humor war sein Mit­tel, um sich in ver­schieden­sten sozialen Wel­ten anzu­passen, einzuord­nen ohne sich selb­st zu ver­leug­nen. Der Mitschüler, der Mit­spiel­er, der Vol­ley­ball­train­er, der Päd­a­goge, der Verkäufer, der Lands­mann, der Dress-Man, der Geschäftsin­hab­er. Manche Rollen passten ihm wie angegossen, manche weniger. Er war har­moniebedürftig, wäh­nte in anderen eher das Gute, wenn die auf ihn sym­pa­thisch wirk­ten. Dass es manch­mal sin­nvoll ist, in der Sache hart zu sein, um Dinge zu regeln, das war nie wirk­lich sein Ding. Und es machte ihn so liebenswert wie ver­let­zlich.

Aus seinem Umgang mit Jugendlichen habe ich gel­ernt, wie man aufmerk­sam zuhört, kurze Fra­gen stellt, Kon­flik­te mit einem Lachen löst und die Ange­sproch­enen so wieder auf den Tep­pich bringt. Auf dem man sel­ber vielle­icht ger­ade gar nicht ist. Da war er unheim­lich gut drin. Es ist wie ein unsicht­bares Türaufhal­ten. Nicht jed­er bemerkt, wie das wirkt. Und Türaufhal­ter wie Zoltán winken auch ab, würde man das her­ausstellen.

Vor ein paar Jahren postete er ver­stärkt Par­ty­fo­tos, stylis­che Posen und Bilder von traumhaftschö­nen Loca­tions in Ungarn. Zuhause wirk­te er manch­mal grum­melig, was es sog­ar in eine Google Bew­er­tung schaffte. Vielle­icht knab­berte irgend­was an ihm, so wie es an Leuten knab­bert, die die Zwanziger ver­lassen und mehr wollen, aber denen etwas zum Antrieb fehl. In Ungarn sah man dage­gen einen unge­mein geerde­ten Zoltán. Einen, der sich gar nicht mehr so sehr anpasste. Einen der es genoss, so angenom­men zu wer­den wie er war, ohne Ver­stel­lung. Der sich aus­pro­bierte mit Sachen, die er auswählte. So ver­schlossen mir diese Welt per­sön­lich war, so sehr freute es mich für ihn. Es hätte mehr davon geben sollen.

Emléked örökké velünk marad.

Did you enjoy this article?

Recommend it — Standard Reader surfaces well-loved writing to more readers across the network.

Across the AtmosphereDiscussions