Zoltán Szilágyi
Ich weiß noch, dass mir in der Grundschule irgendwann ein Neuling auffiel. Er hatte einen ziemlich runden Bürstenschnitt, der nicht zu seiner verschmitzten Art passte, hätte an den Seiten einfach kürzer sein müssen, frecher. Er hatte einen wachen Blick, so einen, bei dem man darauf achtet, weil man das Blicken kennt. Da ist ein großes...
ch weiß noch, dass mir in der Grundschule irgendwann ein Neuling auffiel. Er hatte einen ziemlich runden Bürstenschnitt, der nicht zu seiner verschmitzten Art passte, hätte an den Seiten einfach kürzer sein müssen, frecher. Er hatte einen wachen Blick, so einen, bei dem man darauf achtet, weil man das Blicken kennt. Da ist ein großes Interesse an der Welt, aber auch Zweifel. Zweifel am Dazugehören, am Wohingehören, an der Erdung seiner selbst, eine Suche nach irgendwas, was Halt gibt. Das ist nichts, was ein Viertklässler so denkt, aber es ist eine Ahnung, die kleine Kinder haben. Weil sie das kennen.
Und wie jeder Kleine, der so wach und intelligent ist, spielte Zoltán mit Worten, mit Sätzen. Er wurde später ein Meister der vergeigten Pointe, er setzte krude Sachen in die Welt mit dem Blick: Da! Bidde! Mach was draus! Wer einen Witz über ihn versuchte, scheiterte meist daran, dass Zoltán den Witz noch mehr ins Absurde steigerte.
„Zoltán, wusstest du eigentlich, dass die Frau von Graf Dracula eine geborene Szilágyi war?“
- „Ja, aber wir beißen nicht jeden.“
Trockener Humor war sein Mittel, um sich in verschiedensten sozialen Welten anzupassen, einzuordnen ohne sich selbst zu verleugnen. Der Mitschüler, der Mitspieler, der Volleyballtrainer, der Pädagoge, der Verkäufer, der Landsmann, der Dress-Man, der Geschäftsinhaber. Manche Rollen passten ihm wie angegossen, manche weniger. Er war harmoniebedürftig, wähnte in anderen eher das Gute, wenn die auf ihn sympathisch wirkten. Dass es manchmal sinnvoll ist, in der Sache hart zu sein, um Dinge zu regeln, das war nie wirklich sein Ding. Und es machte ihn so liebenswert wie verletzlich.
Aus seinem Umgang mit Jugendlichen habe ich gelernt, wie man aufmerksam zuhört, kurze Fragen stellt, Konflikte mit einem Lachen löst und die Angesprochenen so wieder auf den Teppich bringt. Auf dem man selber vielleicht gerade gar nicht ist. Da war er unheimlich gut drin. Es ist wie ein unsichtbares Türaufhalten. Nicht jeder bemerkt, wie das wirkt. Und Türaufhalter wie Zoltán winken auch ab, würde man das herausstellen.
Vor ein paar Jahren postete er verstärkt Partyfotos, stylische Posen und Bilder von traumhaftschönen Locations in Ungarn. Zuhause wirkte er manchmal grummelig, was es sogar in eine Google Bewertung schaffte. Vielleicht knabberte irgendwas an ihm, so wie es an Leuten knabbert, die die Zwanziger verlassen und mehr wollen, aber denen etwas zum Antrieb fehl. In Ungarn sah man dagegen einen ungemein geerdeten Zoltán. Einen, der sich gar nicht mehr so sehr anpasste. Einen der es genoss, so angenommen zu werden wie er war, ohne Verstellung. Der sich ausprobierte mit Sachen, die er auswählte. So verschlossen mir diese Welt persönlich war, so sehr freute es mich für ihn. Es hätte mehr davon geben sollen.
Emléked örökké velünk marad.
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