Tag 3: Schleswig – Haithabu – Flensburg
Vor einer halben Ewigkeit, während meines Studium, fiel einmal der Name Heithabu. Es muss in einer Vorlesung zur Wirtschaftsgeschichte gewesen sein und die neuesten Entdeckungen und Ausgrabungen waren damals noch verhältnismässig rezent, dementsprechend begeistert war der Vortragende - zu Recht, denn heute ist Haithabu gemeinsam mit dem Danewerk UNESCO Weltkulturerbe. Die Funde der letzten gut...
or einer halben Ewigkeit, während meines Studium, fiel einmal der Name Heithabu. Es muss in einer Vorlesung zur Wirtschaftsgeschichte gewesen sein und die neuesten Entdeckungen und Ausgrabungen waren damals noch verhältnismässig rezent, dementsprechend begeistert war der Vortragende – zu Recht, denn heute ist Haithabu gemeinsam mit dem Danewerk UNESCO Weltkulturerbe. Die Funde der letzten gut 100 Jahre Archäologie werden standesgemäss in einem Museum ausgestellt, das unsere heutige Vormittagsbeschäftigung ist.
Vielleicht sollte ich erst einmal erklären, was Haithabu eigentlich ist? Es handelt sich dabei um eine von Wikingern errichtet Handels- und Gewerbeniederlassung, deren Existenz vom Ende des 8. Jahrhunderts bis zum Jahr 1066 reicht und somit ziemlich genau die Periode der Wikinger umfasst. Zu ihrer Hochzeit hatte die Stadt rund 1500 Bewohner*innen und war das wirtschaftliche Zentrum, nicht nur der Halbinsel, sondern intensiv in den weit verzweigten Handel der Epoche eingebunden. Man hat alle möglichen Handwerke betrieben und zeitweilig sogar versucht ein eigenes Münzsystem zu etablieren. An letzterem ist man gescheitert, damals wurden Münzen nicht nach dem aufgeprägten Wert gehandelt sondern einfach nach Gewicht und gegebenenfalls hat man einfach ein Stückchen Wechselgeld abgeschnitten. Auf anderen Gebieten aber hat man es zur Meisterschaft gebracht: es wurden Glasperlen erzeugt (wichtig für den Schmuck der Frauen der Epoche), es wurde Holz, Bein und Geweih geschnitzt, Metall bearbeitet, Gold- und Silberschmiede gab es auch und sogar Musikinstrumentenbauer, und natürlich wurden Textilien erzeugt. Ob man in der Stadt auch Schiffe gebaut hat, weiss ich nicht, aber man hat zumindest versehentlich welche versenkt, die man im 20. Jahrhundert dann vorsichtig wieder heben und im Museum ausstellen konnte. Von den Funden der Stadt konnten ganze Generationen von Archäolog*innen promovieren, es ist nämlich wirklich viel erhalten und der Grossteil ist noch nicht einmal ausgegraben (und wird es vielleicht nie sein). Das liegt daran, wie Haithabu sein Ende gefunden hat: es wurde zuerst im Jahr 1050 erobert und dann im Jahr 1066 noch ein zweites Mal. Während es beim ersten Mal wieder aufgebaut wurde, hat die Bevölkerung 1066 das Handtuch geworfen und beschlossen, das was noch übrig war liegen und stehen zu lassen und lieber gleich ins nahegelegene Schleswig zu übersiedeln.
1070 Meter entfernt vom Museum (hier hat bei der Beschilderung wohl die sprichwörtliche deutsche Gründlichkeit zugeschlagen) befindet sich ein Ensemble von Repliken von Wikingerhäusern, reetgedeckte Holzkonstruktionen mit lehmverstrichenen, unverputzten Wänden, Wohnbereich und Werkstatt üblicherweise in einem Haus zusammen untergebracht. Heute wohnen in diesen Häusern etliche Schwalbenfamilien, die ihre Nester an den rauhen Oberflächen besonders gut befestigen können. Man muss nur aufpassen, dass man nicht genau darunter zu stehen kommt… Vor den Häusern zeigen ein paar Menschen frühmittelalterliches Handwerk: Schmuckherstellung, Schnitzen und etwas, das aussieht wie gehäkelt, aber doch nicht. Es handelt sich um die uralte Technik des Nadelbindens, die seit der Steinzeit bekannt ist und bis in unsere Zeit u.a. in Skandinavien überlebt hat. Die entstehenden Gewebe sind sehr robust (konstruktionsbedingt gibt es keine Laufmaschen), daher wurden sehr gerne Socken und Handschuhe nadelgebunden, erfahren wir von der Demonstratorin der Technik. Und weil sie dann schon mal im Vorzeigen war, kriegen wir auch noch das Kämmen, Haspeln und Spinnen von Wolle demonstriert und einen kleinen Exkurs ins Weben mit einem damaligen Webstuhl. Nerdtum aller Arten ist ja immer irgendwie cool, jetzt wissen wir, dass es auch Nerds in Textilgeschichte gibt.
Nach Flensburg geht es erstaunlich hügelig über weitere rund 40 Kilometer. Radwege hat man hier neben den stärker befahrenen Strassen, ansonsten verläuft die Strecke auf Feldwegen, Nebenstrassen und einmal sogar durch den Wald. Nach Flensburg geht es dann wieder bergab, denn das liegt an einer Förde, einem kleinen Seitenarm der Ostsee, der als Hafen dient. Wir machen hier ein paar Stunden echten Urlaub, spazieren durch die Fussgängerzone und am Hafen entlang und lassen die Sonne in einem hiesigen Pils untergehen.
Die Fotos
Die Strecke
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