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Tag 9: Lüneburg – Lübeck

Dies ist Teil drei des Selbstversuchs "Überleben in der Deutschen Bahn" und ich sags gleich: er geht nicht gut aus. Begonnen hat er mit sehr rechtzeitiger Anreise zum (btw. sehenswerten) Bahnhof, dort noch ein Mittagessen beschafft und runter auf den Bahnsteig. Der Zug fährt planmässig in 25 Minuten, der Bahnsteig ist aber jetzt schon voll...

Le Chat à Vélo
Aug 30, 20264 min read

ies ist Teil drei des Selbstversuchs “Überleben in der Deutschen Bahn” und ich sags gleich: er geht nicht gut aus. Begonnen hat er mit sehr rechtzeitiger Anreise zum (btw. sehenswerten) Bahnhof, dort noch ein Mittagessen beschafft und runter auf den Bahnsteig. Der Zug fährt planmässig in 25 Minuten, der Bahnsteig ist aber jetzt schon voll mit Menschen und Koffern und Fahrrädern. Oha, das sieht nicht gut aus, die wollen alle in unseren Zug! Als der dann einfährt, passiert das übliche: Trauben von Menschen versuchen in den Zug zu kommen, während von innen andere Trauben nach aussen drängen. Nach einigen Minuten siegt die Vernunft, man lässt aussteigen bevor man stürmt. Wir ergattern die letzten beiden Fahrradplätze und ca. 1.5 Stehplätze. Meine Hälfte gebe ich gleich wieder auf und gehe in weiser Voraussicht aussenrum aufs Klo. Das funktioniert sogar, also auf dem selben Weg wieder zurück und zum Fahrrad schlüpfen. Wir fahren fast pünktlich nach nur 3 Durchsagen doch endlich die Lichtschranken freizugeben ab.

Auf den nächsten Kilometern lerne ich mehr über die deutsche Seele als ich jemals wissen wollte. Zum Beispiel scheint es irgendwann aus der Mode gekommen sein eine alte Frau (nein nicht mich, eine wirklich alte) hinsetzen zu lassen. Statt des jungen Mannes auf dem für diese Bevölkerungsgruppe vorgesehenen Sitz steht eine Mutter mit Kind auf und bietet gegen Übernahme des Kleinkindes den Sitzplatz an. Win-win für alle: das Kind hat Spass, die leihweise Oma auch und es entspinnt sich ein lebhaftes Gespräch über Kindererziehung. In unserer Ecke sind die effizienten Stapler gelandet, die reihenweise Koffer vom Boden auf die Ablagen über den Sitzen bugsieren. Weiter vorne erzählt eine Frau vom Bahnfahren in der Schweiz, aber niemand glaubt ihr.

Wir bleiben an jedem Bahnhof stehen. Warum, weiss ich nicht, denn aussteigen will niemand und einsteigen kann niemand. Dennoch probieren es immer wieder Menschen mit Fahrrad in den Zug zu kommen, aber sie müssen ebenso zurückbleiben wie der Mann mit Gitarrenkoffer. Als klar wird, dass etliche in Büchen ihren Anschluss nicht erreichen werden und daher einen längeren Aufenthalt an diesem Bahnhof gewonnen haben, entfährt dem jungen Mann auf dem Versehrtensitz ein “Diese Bahn ist ja eine Katastrophe!”. Jetzt schaltet sich eine erschöpft wirkende ältere Ukrainerin ein: “Das ist nix Katastrophe! Wenn Sohn ist an Front und du nichts gehört hast seit fünf Tage und nicht weisst, ob lebt oder ist tot, das ist Katastrophe. Zwei Stunden warten auf Zug, das ist nur (sie sucht nach dem Wort) lästig.” Wäre in diesem Zug noch genügend Platz gewesen damit eine Stecknadel fallen kann, man hätte sie gehört.

Wir erreichen Lüneburg mit rund 40 Minuten Verspätung und drehen dort eine kleine Runde durch das historische Zentrum. Das ist ein bildhübsches Klinker-Ensemble mit Fluss und einem alten Kran. Hätten wir nicht schon andere Pläne für die nächsten Tage, das wäre ein Ziel ganz nach unserem Geschmack. Wir fahren aber lieber zurück nach Lübeck, teilweise neben Landstrassen, teilweise auf (nicht immer asphaltierten) Feldwegen und die letzten fast 40 Kilometer entlang des Lübeck-Elbe-Kanals. Hier kommen wir richtig ins Frankreich-Feeling, im Regen neben dem Kanal auf einer Sandpiste. Ausser uns ist kaum jemand unterwegs, der nicht mindestens einen Hund dabei hat. Pflaumenkuchen gibt es in dieser Gegend und zu dieser Zeit am Sonntagnachmittag nicht mehr, also sind wir als wir wieder am Lübecker Hauptbahnhof ankommen, wo man uns um diese Zeit noch Franzbrötchen verkauft, ordentlich hungrig. Die Frage, warum etwas, das kein Brötchen ist, sondern ein Plunderteiggebäck, “Franz” heisst, werden wir heute nicht mehr klären.

Die Auflösung auf die Frage, warum die DB-Sache nicht gut geht, schulde ich noch: nach 2 Stunden Stehen im bummvollen Zug rebellieren jetzt meine Knie. Sie sind jetzt mal mit Salbe versehen, die der beste Ehemann von allen noch aus der Nachtapotheke geholt hat, und eines weiss ich sicher: auf Stehplatz in die Oper gehe ich in diesem Leben nicht mehr.

Die Fotos

Die Strecke

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    Lüneburg – Lübeck

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