Skip to content

Tag 13: Stralsund – Bergen auf Rügen

Bevor wir uns morgen auf den Weg gen Süden machen, wird es Zeit eine kleine Bilanz zu ziehen. Was spricht für einen Urlaub "im Norden" und was dagegen? Erstens ist das Klima ein grosses Plus. Nach einem Sommer mit 40 Grad in Wien sind die hiesigen Temperaturen eine echte Erholung. Mein Körper kann jetzt wieder...

Le Chat à Vélo
Sep 3, 20265 min read

evor wir uns morgen auf den Weg gen Süden machen, wird es Zeit eine kleine Bilanz zu ziehen. Was spricht für einen Urlaub “im Norden” und was dagegen?

Erstens ist das Klima ein grosses Plus. Nach einem Sommer mit 40 Grad in Wien sind die hiesigen Temperaturen eine echte Erholung. Mein Körper kann jetzt wieder Gänsehaut. Der Nachteil allerdings ist das Wetter. An der Küste notorisch unberechenbar und wie in der Bretagne ist es hier durchaus auch mal schön und das gleich 5 mal am Tag. Heute allerdings war das nur ein einziges Mal der Fall, weshalb wir den Tag für Kultur genutzt haben. Und das ist dann …

Zweitens: Backsteingotik. Lübeck, Wismar und Stralsund sind Weltkulturerbe und das völlig zu Recht. Mindestens 3 grosse gotische Kirchen pro Stadt und heute sind wir auch dazu gekommen zwei davon zu besuchen. Eine davon, die Nikolaikirche, hat sogar eine astronomische Uhr aus 1394. Wenn man allerdings irgendwo ein Schild angebracht hätte, dass diese Uhr seit ca. 500 Jahren nicht mehr geht, hätten wir es uns erspart die Zeiger der Uhr und die Gesetze der Astronomie zur Deckung bringen zu wollen (Hinweis: geht nicht, der Sonnenzeiger steht falsch rum). Es gibt aber nicht nur Kirchen sondern auch Stadttore und andere profane Bauten, darunter hier in Stralsund etwas, das wir in dieser Form noch nie kennengelernt haben: ein Haus aus dem frühen 14. Jahrhundert, das vor dem Verfall gerettet und originell aufbereitet worden ist. Es wurde nämlich nicht versucht einen bestimmten Zeitpunkt zu restaurieren, z.B. sowas wie “das Leben einer Kaufmannsfamilie um 1700”. Stattdessen hat man das, was man im Zuge der Restaurierung in den 1990er und frühen 2000er Jahren entdeckt hat, als Zeugnis der jeweiligen Zeit stehen gelassen. Dazu gehört ein Keller, den man nur arschlings betreten kann und der eine Deckenhöhe aufweist, die aufrechtes Stehen nicht einmal mir erlaubt. Im ersten Stock befindet sich das ehemalige Kontor eines Kaufmanns neben der guten Stube und Küche und Schlafzimmer für eine ganze Familie mit in die Länge ausziehbarem Kinder- und in die Breite ausziehbarem Elternbett. Die Räume sind niedrig und dennoch mit eingezogenen Holzdecken versehen und man hat verschiedene Schichten von Tapeten freigelegt, aus 3 Jahrhunderten. Enge, steile Treppen klettern wir nach oben in die ehemaligen Lagerräume. Hier werden Fundstücke des Alltags ausgestellt: Werkzeug ist in Ritzen gefallen, eine mumifizierte Ratte, Getreide und “Kolonialwaren” haben Reste hinterlassen. Ganz oben befindet sich noch die Seilwinde, die zu einem solchen Gebäude einfach dazugehört. Sie hat über 600 Jahre da oben überlebt und war sogar noch funktionsfähig als die Denkmalschützer:innen begonnen haben das Gebäude zu renovieren. Beim Transport von neuen Balken und Dachziegeln eine unverzichtbare Hilfe, wobei man versucht hat den ursprünglichen Bauzustand nach Möglichkeit zu erhalten. Immer war das natürlich nicht möglich, schliesslich hat die Baupolizei das Haus 1979 nicht aus Jux und Tollerei gesperrt. Davor hat noch eine sehr alte alleinstehende Frau darin gewohnt, mit Plumpsklo und ohne Wasser und Strom und Stiegen, die oft eher an Leitern erinnern als an Stiegen. Das Haus ist sicher eines der Highlights der Reise, die 5 Euro Eintritt ist es mindestens wert und wenn man Fragen hat, gibt es auch noch kompetente Mitarbeiter:innen, die diese beantworten können, so die nach der Beseitigung des Hausschwamms oder dem Aufbau der Tapetenschichten. Wer nach Stralsund kommt: grosse Empfehlung!

Nächster Pluspunkt: Radwege. Am späten Nachmittag kriegt sich Nachteil 1, das Wetter, wieder ein, und wir beschliessen spontan noch eine kleine Ausfahrt nach Rügen zu machen. Auf dem Rügendamm gibt es einen Radweg, eine Strasse und auch ein Gleis für die Bahn. Auf der Insel und auch sonst hatten wir bisher oft sehr brauchbare Radwege über Land und manchmal auch in der Stadt. Dort aber dominiert das Kopfsteinpflaster, über das ich schon genug gesudert habe.

Vierter Punkt: Natur und Landschaft. OK, für Bergfexe ist das hier nix, aber dafür gibt es flache bis wellige grüne Landschaften, Felder und beeindruckende Wälder (ein Wald aus alten Buchen steht einer gotischen Katedrale in nichts nach). Heute gibt es auf Rügen Gänse und Kraniche zu sehen, aber es gibt hier sicher noch mehr geflügelte (zeitweise) Bewohner. Naturschutzgebiete weist man ja nicht zum Spass aus.

Wer schon einmal versucht hat in Frankreich einen Regionalzug für die Rückfahrt von einer Radausfahrt zu nehmen, wird bestätigen, dass das selten von Erfolg gekrönt ist. Hier in Deutschland ist das anders. Hier gibt es ein dichtes Bahnnetz mit vielen Möglichkeiten ein Fahrrad mitzunehmen und das ist Pluspunkt Nummer 5. Nachteil Nummer 5 ist, dass dieses dichte Netz das der Deutschen Bahn ist. Wir haben in zwei Wochen 5 Zugfahrten in “einem Nachbarland” hinter uns und kommen auf eine Pünktlichkeitsquote von sage und schreibe 40 Prozent. Wir waren einmal 1.5 Stunden und einmal 45 Minuten zu spät dran und einer der Züge ist überhaupt auf halber Strecke ausgefallen. Bevor jetzt jemand sagt, dass das nach den Regeln der Bahn aber kein unpünktlicher Zug ist: mir als Fahrgast ist das wurscht. Was nicht fährt, ist auch nicht pünktlich. Heute hatten wir aber einen der beiden anderen Züge: Fast leere Cityjet-Garnitur mit reichlich Fahrradplätzen und in Bergen auf Rügen auch noch ein Bahnhöfle wie aus dem Modellbahnkatalog. Hoffentlich haben wir damit unser Glück nicht überstrapaziert, denn morgen brauchen wir auch einen Zug.

Der sechste und letzte Punkt ist ein klarer Minuspunkt: ich möchte über das Thema Filterkaffee und “Espresso Macchiatio” nicht sprechen. Das wäre nicht jugendfrei. Ausgeglichen wird das Kaffee-Manko durch eine riesige Auswahl an Bier mit und ohne Alkohol. Ist halt nicht gerade ein Frühstücksgetränk. Brautradition aus Zeiten der Hanse (man hat Starkbier nach Skandinavien exportiert) und eine gewisse Experimentierfreudigkeit in den letzten Jahrzehnten ergeben eine unglaubliche Auswahl im Supermarkt und manchmal auch am Zapfhahn im Lokal.

Wenn das Wetter nicht wäre, wir hätten gern noch ein paar Tage drangehängt. Aber vielleicht kommen wir ja wieder?

Die Fotos

Die Strecke

[elevation gpx=https://le-chat-a-velo.at/wp-content/uploads/2026/09/R205064763.gpx time=summary distancemarkers=true waypoints=true slope=0 ][zoomhomemap ][layerswitch mapids=OpenStreetMap DE,CyclOSM,OpenCycleMap,Mountainbike,OpenTopoMap,OPNVKarte,Esri WorldImagery,Alidade (Smooth),Alidade (Smooth Dark),Basemap AT,Basemap AT (grau),Basemap AT (orthofoto),TopPlus (Grey),TopPlus (Color),Stamen (Toner),Stamen (Terrain),Cycling Paths,Hiking Paths,OpenRailwayMap providers=OpenStreetMap.DE,CyclOSM,Thunderforest.OpenCycleMap,MtbMap,OpenTopoMap,OPNVKarte,Esri.WorldImagery,Stadia.AlidadeSmooth,Stadia.AlidadeSmoothDark,BasemapAT.basemap,BasemapAT.grau,BasemapAT.orthofoto,TopPlusOpen.Grey,TopPlusOpen.Color,Stadia.StamenTonerLite,Stadia.StamenTerrain,WaymarkedTrails.cycling,WaymarkedTrails.hiking,OpenRailwayMap ][fullscreen ]

Track Downloads
    Stralsund – Bergen auf Rügen

Did you enjoy this article?

Recommend it — Standard Reader surfaces well-loved writing to more readers across the network.

Across the AtmosphereDiscussions