Noch mal was zu Wasserbilanzen und persönlichem Verzicht (Update)
In einem Kommentar verweist Lutz auf den Artikel „Im Land der Wasserschlucker“ in der Süddeutschen und fragt, ob ich jetzt die Espressomaschine verschrotte. Interessanter Artikel, und natürlich sind…
n einem Kommentar verweist Lutz auf den Artikel „Im Land der Wasserschlucker“ in der Süddeutschen und fragt, ob ich jetzt die Espressomaschine verschrotte.
Interessanter Artikel, und natürlich sind die veröffentlichten Zahlen in der Infografik erschreckend. Dumm nur, dass die Zahlen nicht stimmen – die tatsächlichen Zahlen sind noch viel erschreckender.
Ich habe mir mal die Mühe gemacht, aus verschiedenen Quellen beispielhaft die aktuellsten Import-Zahlen für Kaffee, Kakao, Soja und Rindfleisch zusammen zu suchen und anhand derer die tatsächlichen Wasserbilanzen (ich hasse übrigens den Ausdruck Wasser-Fußabdruck) zu berechnen. (Quellen für die Wasser-Berechnungsgrundlagen: Waterfootprint.org und Virtuelles-Wasser.de.)
So viel verbrauchen importierte Agrargüter wirklich
Kaffee
2008 wurden 1.148.000 Tonnen Kaffee importiert (Quelle: Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Excel-Datei).
Wenn man davon ausgeht, dass Rohkaffee durch die Röstung ca. 20% an Gewicht verliert und die Wasserbilanz für 1 Tonne gerösteteten Kaffee 20.000 Kubikmeter beträgt, erhält man eine Gesamt-Bilanz von 18,4 Mrd m3, und nicht 9,9 Mrd m3, wie in der Infografik der Süddeutschen angegeben.
Kakao
2008 wurden 808.000 Tonnen Kakao und -erzeugnisse importiert (Quelle: Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Excel-Datei).
Die Wasserbilanz für 1 Tonne Kakaobohnen beträgt 27.000 Kubikmeter. Die gesamte Bilanz für die importierte Menge liegt also bei knapp 21,8 Mrd m3, und nicht bei 9,7 Mrd m3, wie in der Infografik angegeben.
Soja
2004 wurden 3.300.000 Tonnen Soja importiert (Quelle: Greenpeace, PDF-Datei).
Die Wasserbilanz für 1 Tonne Soja beträgt 1.800 Kubikmeter. Für die gesamte importierte Menge beträgt die Wasserbilanz also 5,94 Mrd m3, und nicht 4,8 Mrd m3 wie in der Infografik angegeben.
Rindfleisch
2008 wurden 284.030,3 Tonnen Rind- und Kalbfleisch importiert (Quelle: Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, Statistisches Bundesamt, PDF-Datei).
Die Wasserbilanz für 1 Tonne Rindfleisch liegt bei 15.500 Kubikmetern. Insgesamt beträgt die Wasserbilanz für das importierte Rindfleisch also nicht 2,6 Mrd m3, sondern 4,4 Mrd m3.
Verzehr pro Kopf und Wasserbilanz ausgewählter Lebensmittel
Hier die absoluten Zahlen für Deutschland:
Grafik: Michael Preidel. Daten: BMELV (PDF 1, PDF 2)
Wie man sieht, hat Rindfleisch den schlechtesten Wasserbilanzquotienten (von mir erfunden, um leichter vergleichen zu können). Absolut gesehen ist der Wasserverbrauch für Rind- oder Schweinefleisch in Deutschland größer als der für Kaffee.
Bei meiner Entscheidung, zukünftig auf Rindfleisch zu verzichten, haben allerdings auch diese Fakten eine Rolle gespielt:
Rinder fressen Regenwald
Das wichtigste Eiweißfutter für Rinder ist Soja: 80% der weltweiten Sojaproduktion wird als Tierfutter für Rinder, Schweine und Hühner verwendet. Quelle: Greenpeace.
Für den Sojaanbau wird Regenwald vernichtet. Aus dem Greenpeace-Report „Wir essen Amazonien auf“:
Um Flächen für die Landwirtschaft nutzbar zu machen, wird der Wald durch Brandrodung vernichtet: Zwischen August 2003 und August 2004 wurden 2,7 Millionen Hektar Urwald zerstört. Dies entspricht in etwa der Fläche von Belgien. Drei Viertel davon wurden illegal gerodet.
Überspitzt ausgedrückt sind also Fleischesser die größten Nutznießer der Regenwaldrodung – die in diesen Gegenden lebenden Einwohner Brasiliens haben davon überhaupt nichts. Ganz davon abgesehen, dass die großflächige Rodung, die bis heute unvermindert fortgesetzt wird, einen zusätzlichen Einfluss auf den Klimawandel hat.
Und nicht zuletzt: Laut Aussage der vom Pro-Gentechnik-Lobby-Verein „Forum Bio-und Gentechnologie“ unterstützten Website TransGen.de „stammen etwa siebzig Prozent der Welt-Sojaproduktion aus gentechnisch veränderten Sojabohnen“.
Update zu Gen-Soja, 4.8.09:
Je mehr man sich mit dem Thema beschäftigt, um so tiefere Abgründe tun sich auf: Der Einsatz von genmanipulierter Soja ist – neben den völlig unkalkulierbaren Risiken für Flora, Fauna und Mensch (siehe auch: Mit dem Soja kam das Fieber) – auch deshalb hochproblematisch, weil sich die Agrokonzerne, allen voran Monsanto, die Gen-Soja patentieren lassen. Kauft ein Soja-Bauer Saatgut, erwirbt er damit nur das Recht für eine einzige Aussaat. Er darf also nicht einfach einen Teil des Ertrags wieder aussäen, sondern wird gezwungen, für jede neue Aussaat Lizenzgebühren zu zahlen. Aber wie kann man so was kontrollieren? Ganz einfach: Die Lizenzgebühren werden bei Ablieferung der Ernte fällig und direkt an Monsanto überwiesen (Quelle). Wenn es nicht so traurig wäre …Nicht resignieren, sondern machen
Ich weiß, dass ich mit meinem Rindfleischverzicht alleine nicht die Welt rette. Aber anstatt – wie so viele – einfach zu sagen: „Bei den vielen schlechten Nachrichten kann man ja bald gar nichts mehr essen …“, ziehe ich es vor, meinen Speiseplan ein kleines bisschen zu ändern.
Ich will niemandem Steaks verbieten, aber ich bin davon überzeugt: Wenn jeder sein Verhalten ebenfalls nur ein kleines bisschen ändert, egal wie und wo, sind wir ein gutes Stück weiter mit dem Welt retten.
Und um die Frage von Lutz zu beantworten: Nein, ich werde meine Espressomaschine nicht verschrotten. Natürlich hat Kaffee auch eine hohe Wasserbilanz, aber immerhin wird für den Anbau kein Regenwald gerodet. Und ich will mich ehrlich gesagt auch nicht vollends kasteien. Aber nachdem ich mich eben ein wenig informiert habe, werde ich zumindest versuchen, einen guten Espresso als Fairtrade-Produkt zu finden.
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