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Über den Unsinn von Wettbewerbs-Präsentationen

Mag mag darüber streiten, ob mein Logoentwurf für CineSave gelungen ist – das ist letzten Endes immer Geschmackssache. Unbestreitbar genügt er aber nicht nur sämtlichen formalen Kriterien an ein…

Esse est percipi
Apr 22, 2005 · 4 min read

ag mag darüber streiten, ob mein Logoentwurf für CineSave gelungen ist – das ist letzten Endes immer Geschmackssache. Unbestreitbar genügt er aber nicht nur sämtlichen formalen Kriterien an ein Firmenlogo – er funktioniert auf Visitenkarten, Geschäftspapieren, Filmdosen, Prospekten, in Anzeigen, im Internet, auf LKW-Planen etc. –, sondern ohne Zweifel ist auch ein enger semantischer Bezug zum Firmennamen und zum Aufgabengebiet der Firma CineSave (grob übersetzt: Filmrettung) hergestellt worden.

Der Entwurf

Die Metapher

Der stilisierte Rettungsring hinter der Wortmarke symbolisiert Hilfe für die weltweit angepeilte Zielgruppe: Archive, in denen jede Menge 16 und 35mm Filme langsam vor sich hin verrotten und die, sollten sie nicht restauriert werden, in naher Zukunft endgültig zerstört sein werden – womit ein Stück Kulturgeschichte der Menschheit unwiederbringlich verloren geht.

Auf andere bildhafte Elemente wie Filmbilder, Transportlöcher etc. wurde, weil bei vorhandenen Logos anderer Firmen schon bis zum Überdruss vorhanden, bewusst verzichtet, nicht zuletzt, um Unverwechselbarkeit zu schaffen.

Die Typographie

Weil man, abgesehen vom projizierten Bild, mit dem physikalischen Medium Film eher runde als eckige Formen und Bewegungen assoziiert (Filmdosen, Filmrollen, Projektorrotation, Licht- und Schallwellen [was sich, nebenbei bemerkt, alles auch in der Form des dahinter liegenden „Rettungsrings“ wieder findet]), sind die „E“ in der ansonsten versalen Wortmarke als Minuskeln gezeichnet.

Als Hausschrift, in der auch die Firmenbeschreibung gesetzt wurde, wurde die Meta verwendet. Diese humanistisch anmutende Schrift vermittelt sehr gut die Balance zwischen Technik (dem Prozess der Restaurierung) und Emotion (den Inhalten bzw. ideellen Werten der Filme).

Die Farbwahl

Der gleiche Grundsatz gilt für die Farbwahl. Das Rot des Rettungsrings, dem die vordergründige Gefahrensymbolik durch einen 15%igen Cyan-Anteil genommen wurde, steht für Emotion und (Kunden-)Nähe, das kühle Grau des Schriftzugs für die (notwendige) Technik und Abstraktion.

Insgesamt vermittelt das Logo den Eindruck einer selbstbewussten, starken Firma, die äußerst beweglich auf Kundenwünsche reagieren kann und auf diese auch immer eingehen wird.

Bewertungskritereien

Als ich gestern den Entwurf gesehen habe, der sich gegenüber meinem durchgesetzt hat, ist mir eins (dazu muss ich sagen: länger schon schwelte es in mir) endgültig klar geworden: Ich werde mich zukünftig nicht mehr an Wettbewerbspräsentationen beteiligen, bei der gestalterische Laien über Annahme oder Ablehnung eines Entwurfs entscheiden.

Die Absurdität einer solchen Situation ist nämlich ähnlich der, als ob ich selbst bei einem Eiskunstlaufwettbewerb, von dem ich nicht die blasseste Ahnung habe, in der Jury säße und über die Performance einer jungen Frau urteilen müsste, die seit 15 Jahren täglich trainiert und im Gegensatz zu mir als Juroren genau weiß, was sie da tut – und vor allen Dingen warum –, während ich, weil ich keine anderen Bewertungskriterien habe, ihre Leistung nach der Farbe ihres Kostüms beurteile.

Ohren ab?

Gestalter wissen, ähnlich wie Eiskunstläuferinnen und andere professionell arbeitende Menschen, worauf es in ihrem Beruf ankommt. Und analog einem Chirurgen, der aus Gründen verbesserter Aerodynamik einem Radrennfahrer nie beide Ohren amputieren würde – selbst wenn der Patient es ausdrücklich wünscht –, hat auch ein Designer die Pflicht, seine Kunden anständig, nach bestem Gewissen und im Sinne des Kundenwohls zu beraten.

Wenn es allerdings gar nicht erst zu einer solchen Beratung kommt, weil Entwürfe nach persönlichen Vorlieben (ich mag lieber olivgrün) oder Abneigungen (Serifenschriften mag ich nicht) beurteilt werden, ohne mal einen Schritt zurück zu treten, um das gesamte Bild zu betrachten, braucht es auch keinen Designer. Dann macht man eben alles olivgrün und serifenlos. Das schafft auch der Neffe des Geschäftsführers. Der muss sich um solche nebensächlichen Dinge wie Kommunikationstheorien, Lesegewohnheiten, Farbwirkungen, Mikro- und Makrotypographie, Wahrnehmungspsychologie, Dramaturgie usw. usf. nicht kümmern.

Der Sieger

Aus verständlichen Gründen kann ich den letztlich angenommenen Entwurf hier nicht zeigen, in kürze wird man ihn auf der CineSave Website dann sicher gegen den meinen ausgetauscht haben. Nur soviel: Besonders bitter fand ich die Tatsache, dass trotz eines – zugegebenermaßen äußerst knappen – Briefings im Sieger-Logo der Firmenname CineSave durchweg falsch, nämlich CINESAFE geschrieben wird. Dieser Fehler wird bis zum Website-Launch zweifellos behoben sein, als Kunde hätte ich mich da allerdings – trotz olivgrün und serifenlos – schon mal gefragt, ob die Kommunikationsziele auch richtig verstanden und – viel wichtiger: im Logo auch umgesetzt wurden.

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