Mythen, Monitorauflösungen und das Geheimnis der „72“
Gerrit van Aaken hat vor einiger Zeit einen schönen Essay über den 72dpi-Mythos geschrieben. Er bemerkt ganz richtig, dass die „Für den Bildschirm scannt man mit 72dpi“-Faustregel kompletter Unsinn…
errit van Aaken hat vor einiger Zeit einen schönen Essay über den 72dpi-Mythos geschrieben. Er bemerkt ganz richtig, dass die „Für den Bildschirm scannt man mit 72dpi“-Faustregel kompletter Unsinn ist, da ein Monitor Pixel immer direkt darstellt und ein Bild mit 100 Pixeln Breite immer 100 horizontale Pixel auf einem Monitor belegt, egal, ob die Auflösung des Bildes 10 oder 300dpi beträgt.
Seine Vermutung, diese „sagenumwobenen“ 72dpi seien irgendwann mal eher zufällig entstanden, ist allerdings so nicht ganz richtig:
Offensichtlich gab es einmal so etwas wie einen genormten Monitor. Dessen Fläche hatte eine bestimmte physische Größe (11“ Breite) und eine bestimmte Pixelanzahl (800 Pixel Breite) eingestellt. Und diese waren zufällig in einer solchen Relation, dass sich ca. 72dpi ergeben haben. Auf diesem Norm-Monitor waren die 200 Pixel dann 7,06cm. Aber eben nur auf genau diesem Monitor!
Das Geheimnis der „72“
Einspruch, Euer Ehren, auf einem 72ppi-Monitor entsprechen 200 Pixel immer 7,06 cm! In den 80er Jahren, als DTP nahezu ausschließlich mit und auf Macintosh Rechnern gemacht wurde, lieferte das Mac OS feste Auflösungen für verschiedene Monitorgrößen; z.B. erhielten ein 13“ Monitor 640×480 Pixel und ein 19“ Monitor 1024×768 Pixel zur Darstellung vom Rechner. Das ist, wenn man es denn umrechnet (und dabei mit dem effektiv sichtbaren Bereich und nicht mit der absoluten Inch-Größe der Monitor-Röhre rechnet!), jeweils eine Auflösung von 72ppi (Bei Monitoren spricht man übrigens gern, um Verwechslungen zu vermeiden, nicht von dots per inch, sondern von pixels per inch).
Das war beileibe keine willkürliche Festlegung, sondern wohl durchdacht – man nannte es den typographischen Standard (im Gegensatz zum späteren 96ppi-Standard, der von Windows verwendet wurde). Und mit dem Stichwort „Typographie“ lüftet sich auch endlich das Geheimnis um diese „sagenumwobene“ Zahl: Zufälligerweise sind 72 Postscript-Punkt nämlich genau ein Inch (2,54 cm). Das heißt, dass ein 72 Punkt großer Buchstabe nicht nur 72 Pixel auf dem Monitor einnimmt (das tut er auch heute noch), sondern dass dieser Buchstabe auf einem 72ppi-Monitor genau so groß ist wie auf einem Ausdruck!
WYSIWYG
Wer sich noch an den schönen Begriff WYSIWYG (What you see is what you get) erinnern kann, dem dürfte auch klar sein, worin der Vorteil dieses typographischen Standards lag: stellte man die Bildschirmansicht in Programmen wie Illustrator, Pagemaker oder QuarkXPress auf 100%, hatte eben ein A4 Blatt auf dem Monitor ziemlich genau die gleichen Abmessungen wie das reale Blatt Papier, das man zum Vergleich davor hielt. Da spielte es auch keine Rolle, ob es sich um einen 14“ oder einen 21“ Monitor handelte, weil ja die Auflösung bei beiden nahezu gleich war. Zu diesen Zeiten kostete ein Postscript-LaserWriter übrigens noch weit über 10.000 DM, so dass diese 100% Ansicht für weniger begüterte DTP-Anwender sehr nützlich war, um rasch mal ein Layout in Originalgröße auf dem Monitor beurteilen zu können.
Im übrigen ist es auch heute noch so, dass eine Illustratorzeichnung, die für eine Screendarstellung angefertigt wurde, für die Weiterverarbeitung in Photoshop dort mit 72pdi geöffnet werden muss, um die Größe nicht zu verändern. Denn nach wie vor gilt: ein Postscript-Punkt = ein Pixel.
Zurück zu 100%
So sinnvoll das auch einmal war, ich will sicher nicht zurück zu 72ppi Bildschirmen. Mittlerweile gehören Drucker zur Standardausrüstung eines jeden Computer-Arbeitsplatzes (ein Layout ist also schnell mal ausgedruckt) und mit den aktuellen LC-Displays ist es gar nicht mehr möglich, ohne deutlichen Qualitätsverlust eine – aus heutiger Sicht – vergleichsweise geringe Auflösung von 72ppi einzustellen.
Allerdings wäre es meiner Meinung nach äußerst hilfreich, wenn die Betriebssysteme eine globale Variable mit der errechneten, tatsächlichen Bildschirmauflösung zur Verfügung stellten, die nicht nur von Programmen wie z. B. QuarkXPress et al. zur Berechnung einer 100%-Ansicht, sondern auch von Browsern zur korrekten Darstellung von relativen Schriftgrößen verwendet werden könnte.
Dann wäre die typographische Bildschirmwelt wieder ein Stückchen mehr in Ordnung.
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