Wer werden wir sein
Schon beim Auspacken freute ich mich. Es ist tatsächlich ein kleines Buch, der Hauptteil umfasst nur 185 Seiten. Ich hatte es kostenlos als Rezensionsexemplar vom Verlag C.H. Beck erhalten. In meiner christlich-deutschen, bisweilen abrahamitischen Gedankenwelt bin ich immer wieder auf der Suche nach Menschen und Texten, die nicht bei Antisemitismus und Antizionismus stehen bleiben. Hier...
chon beim Auspacken freute ich mich. Es ist tatsächlich ein kleines Buch, der Hauptteil umfasst nur 185 Seiten. Ich hatte es kostenlos als Rezensionsexemplar vom Verlag C.H. Beck erhalten. In meiner christlich-deutschen, bisweilen abrahamitischen Gedankenwelt bin ich immer wieder auf der Suche nach Menschen und Texten, die nicht bei Antisemitismus und Antizionismus stehen bleiben. Hier hoffte ich, die eine oder andere Richtungsanzeige zu finden, ohne mich durch einen dicken Wälzer wühlen zu müssen. Und trotz des schweren Themas würde ich fürs Foto arabische Süßigkeiten in der Stadt besorgen.
Verfasst hat das Buch der Historiker Omar Kamil. Er ist Privatdozent am Judaistik-Seminar der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Dort beschreibt er sich selbst so:
„Mein Forschungsschwerpunkt befindet sich in der Überschneidungszone israelisch-jüdischer, arabisch-islamischer und deutsch-europäischer Geschichte und Geschichtserfahrungen. Gegenwärtig bearbeite ich das Forschungsprojekt: ‚Migration und Antisemitismus im europäischen Kontext. Transkulturelle Perspektiven auf jüdisch-islamische Beziehungen in der deutschen Postmigrationsgesellschaft‘. In diesem Rahmen erforsche ich das Aufeinandertreffen unterschiedlicher historischer Narrative und deren Verhältnis zueinander. Erprobungsfelder meines Forschungsschwerpunktes sind die Wahrnehmung des Holocaust, der Antisemitismus, der Kolonialismus sowie der israelisch-palästinensische Konflikt, sowohl im arabisch-muslimischen als auch im deutschen und europäischen Kontext.“
Damit sind die Themen seines Buches, „Muslimischer Antisemitismus. Woher er kommt, wie er wirkt und was wir tun können“, gesetzt. Dabei waren sich Islam und Judentum zuerst gar nicht feindlich gesinnt. In der islamischen Gesellschaft waren Jüd:innen als Schutzbefohlene (Dhimmis) geduldet und durften ihren Glauben leben. Religiöse Gleichberechtigung war im Mittelalter, so weit ich es überblicken kann, ohnehin noch unbekannt, laizistische Herrschaftsformen zumal.
Auch Antisemitismus kannte man in der arabischen Hemisphäre nicht. Zwar gab es die üblichen Zwistigkeiten und Scharmützel, wie unter mehr oder weniger ungleichen Nachbarn üblich. Diese waren aber noch nicht verschwörungsmythisch oder rassistisch aufgeladen. Im Gegenteil zollte man etwa dem jüdischen Handelsgeschick in der arabischen Welt viel Anerkennung, schließlich war der Prophet Mohammed selbst Kaufmann gewesen. Wie anders wirken demgegenüber die westeuropäischen Zerrbilder über vermeintlich jüdisches Finanzgebaren.
Theologisch befruchteten sich Islam und Judentum, beide streng monotheistische Schriftreligionen, ebenfalls gegenseitig. Kamil ruft nicht nur den jüdisch-andalusischen Philosophen Moses Maimonides (1138-1204) und den Schulchan Aruch von Josef Karo (1488-1575) als Zeugen dafür auf. Antisemitische Einflüsse erreichten die islamischen Gesellschaften erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts auf griechisch-katholischem Weg und brauchten lange, bis sie sich festsetzten. Es geschah über Wellen aus kulturellen und kolonialen Konflikten, in denen antisemitische Erzählungen aus Europa regelrecht importiert wurden und als Katalysator und Brandbeschleuniger wirkten.
Was ich nur grob skizziere, beschreibt Kamil in seinem Buch detailliert. Dann geht er einen Schritt weiter und zeigt, wie die Dinge miteinander in Bewegung geraten. Im 19. Jahrhundert erstarkte der europäische Kolonialismus und Nationalismus, dem der hier bereits lange vorhandene Antisemitismus umso schärfer entsprang. Kolonialismus und Antisemitismus sprossten zu der Zeit also aus derselben Wurzel und wirkten auf die arabisch-muslimische Welt ein. Kamil erläutert, wie sich diese transkulturellen und transnationalen Erfahrungen aufeinander beziehen. Nur so, stellt er heraus, ‚können die Ursachen muslimischen Antisemitismus‘ aufgedeckt und Erfahrungen im Licht der anderen verständlich werden‘. Resonanzgeschichte lautet der Begriff, den Kamil dafür geprägt hat.
Das gestattet neue Perspektiven, wie die des ägyptischen Autors Ahmad Muharram, der schon 1917 in einem Gedicht beschrieb, wie die Nakba, die Erzählung der palästinensischen Katastrophe, bereits mit ‚dem Ende islamischer Souveränität und dem Beginn der kolonialen Fremdherrschaft‘ ihren Anfang nahm. Gut 30 Jahre später verweist der christlich-arabische Historiker Constantin Zureiq (1909-2000) außerdem darauf, dass die Nakba auch die Klage darüber bedeutet, was die arabische Welt an Aufbau und Reformen versäumt hat.
Nach dem Zweiten Weltkrieg werden die arabischen Menschen im Nahen Osten von der britischen Kolonialmacht zum wiederholten Mal um ihr Recht auf Anerkennung betrogen. Gleichzeitig wird der Staat Israel nunmehr als Folge eines aus muslimischer Sicht imperialen Weltkrieges und der Schoah gegründet. Kamil berichtet von den Erfahrungen des arabischen Literaten und Humanisten Taha Husain (1889-1973), der aufschrieb, wie Überlebende des Holocausts als Einwanderer in Israel eintrafen:
„Die palästinensischen Bewohner von Haifa standen am Kai, beobachteten die Szene schweigend, abwartend, innerlich zerrissen. Mitleid mischte sich mit Unbehagen, Zorn mit Ratlosigkeit. Taha Husain hörte beide Stimmen — die der Flüchtlinge und die der Einheimischen. Und er erkannte, was aus dieser Mischung entstehen konnte: dass Mitgefühl kippen kann; dass das Fremde nicht gehasst wird, weil es böse ist, sondern weil es eine Ordnung infrage stellt und Ungewissheit erzeugt. Nicht die Flüchtlinge selbst waren das Ziel der aufkeimenden Ablehnung, sondern jene, die sie begleiteten: ein französisches Schiff unter alliierter Flagge, britische Soldaten mit Gewehren, ein geopolitisches Schauspiel, in dem die Araber wieder nur Zuschauer ihrer eigenen Geschichte waren.“
S. 102.
Es ist die Stärke von Omar Kamil, diese Verflechtungen herauszuarbeiten und durch die Zeitläufte hindurch bis in die Gegenwart nachzuzeichnen. Denn in Deutschland, mit seiner zu Recht unaufgebbaren Erinnerungskultur, leben Menschen arabischer Herkunft, die eigene Verletzungen in sich tragen, die derselben imperialen Wurzel entsprungen sind wie die deutsche Geschichte. Es gilt, diese Erfahrungen im Angesicht der Monstrosität der Schoah nicht zu entwerten, sondern als Teil der kolonial-nationalistischen Zentrifugalkräfte zu begreifen und zu einem gemeinsamen Narrativ zu verweben. Es gibt kein Entweder-Oder aus autochthoner „Erinnerungsgemeinschaft“ und deutsch-arabischer „Problemgruppe“ und keine Eindeutigkeit, die die Schmerzen lindert. „Nur dort, wo das Leid der jeweils anderen Seite anerkannt wird, kann der Boden für eine gemeinsame Zukunft entstehen“, stellt Kamil fest. Wobei eine neue theologische Verständigung nur aus Islam und Judentum selber kommen kann.
Trotzdem konnte ich mich mit Kamils Sicht auf Deutschland nach dem Pogrom am 7. Oktober 2023 und dem anschließenden Gaza-Krieg nicht anfreunden. Ich glaube nicht, dass man in Deutschland die ‚Ansprüche der Palästinenser und Palästinenserinnen‘ gleichberechtigt neben „die Treue zu Israel als Erbe des Holocaust“ stellen sollte, wie sich das der Autor zu wünschen scheint. Den „dritten Raum, […] in dem zwei Wirklichkeiten nebeneinander bestehen dürfen“, kann Deutschland aufgrund seiner Geschichte nicht bieten. Und ich finde sowohl historisch als auch nach dem Pogrom vor drei Jahren, dass es das auch nicht muss. Hier ist eine andere Architektur vonnöten.
Durch die Selbstverständlichkeit, mit der außerdem die Debatte über einen vermeintlichen Genozid geschildert wird, während die israelischen Geiseln erst gar nicht erwähnt werden, hätte mich der Autor fast ganz verloren. Sein da bereits ausführlich grundgelegter Ansatz, seine fachliche Erfahrung und gleichwohl erkennbare Einfühlsamkeit beim Blick auf den 7. Oktober, die Region und ihre Epochen ließen mich schließlich bleiben.
„Wer werden wir sein, wenn wir aus der Asche aufstehen?“ Fragte der israelische Schriftsteller David Grossmann im Oktober 2023 und wird von Kamil zitiert. Die Antwort darauf kann aus dessen Sicht nur vielstimmig und aufeinander bezogen sein. Zu den unbequemen Wahrheiten, die das mit sich bringt, gehört meiner Meinung nach aber auch, dass man nicht alles Gesagte aushalten muss.
Omar Kamil: Muslimischer Antisemitismus. Woher er kommt, wie er wirkt und was wir tun können, München 2026, erschienen beim Verlag C.H. Beck.
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