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Früher habe ich gerne Fußball gesehen

Wie mir die FIFA und der Kommerz den Spaß am Fußball verderben.

Johannes Mirus
Jul 17, 20263 min read1 read

ch lie­be Fuß­ball. Wer mein Blog ein wenig durch­stö­bert, merkt das schnell. Frü­her habe ich hier auch inten­siv jede Europa- und Welt­meis­ter­schaft beglei­tet. Doch seit etli­chen Jah­ren ent­frem­den wir uns. So rich­tig bewusst wur­de mir das wohl zum ers­ten Mal im Som­mer 2021 bei der pan­de­mie­be­dingt ver­scho­be­nen Euro­pa­meis­ter­schaft 2020. Wäh­rend das kom­plet­te öffent­li­che Leben still­stand und Mil­lio­nen Men­schen zu Hau­se iso­liert waren, muss­te die gigan­ti­sche Geld­ma­schi­ne Fuß­ball um jeden Preis wei­ter­rol­len. Das war der Moment, in dem die Ris­se in unse­rer Bezie­hung unüber­seh­bar wurden.

Dazu kommt der sport­li­che Nie­der­gang des deut­schen Teams, der die Ent­frem­dung ver­mut­lich beschleu­nigt hat. Sicher, bei der Heim-EM 2024 keim­te kurz so etwas wie Freu­de auf, aber blickt man ehr­lich zurück, befin­det sich die deut­sche Männer-Nationalmannschaft seit dem WM-Titel 2014 auf einem ste­tig abstei­gen­den Ast. Die­ses Jahr, bei die­ser mons­trö­sen Welt­meis­ter­schaft 2026, hat mei­ne per­sön­li­che Tur­nier­ver­dros­sen­heit einen vor­läu­fi­gen Höhe­punkt erreicht. Vor­läu­fig des­halb, weil das Sys­tem dahin­ter so kaputt ist, dass selbst die­se Aus­wüch­se sicher­lich noch getoppt wer­den können.

Zu viel Politik, zu viel Technik

Die Vor­fäl­le in die­sem Som­mer spre­chen eine deut­li­che Spra­che. Da wird dem soma­li­schen Unpar­tei­ischen Omar Artan, der kurz zuvor noch als Afri­kas bes­ter Schieds­rich­ter aus­ge­zeich­net wur­de, trotz Visums die Ein­rei­se in die USA ver­wei­gert. Die ira­ni­sche Dele­ga­ti­on durf­te wegen der stren­gen Ein­rei­se­be­schrän­kun­gen der Trump-Regierung nicht ein­mal für Über­nach­tun­gen im Land blei­ben, was das Team zu logis­ti­schen Absur­di­tä­ten und einem Basis­la­ger in Mexi­ko zwang. Und als ob das nicht reicht, mischt sich Donald Trump per­sön­lich ein, tele­fo­niert mit Gian­ni Infan­ti­no und sorgt dafür, dass die obli­ga­to­ri­sche Sper­re nach einer Roten Kar­te für US-Stürmer Fola­rin Balo­gun ein­fach gestri­chen wird. Poli­ti­scher Druck hebelt sport­li­che Dis­zi­pli­nar­re­geln aus – offen­sicht­li­cher geht es kaum noch.

Dass am Ende die­ses gigan­tisch auf­ge­bläh­ten Tur­niers mit 48 Teams die aktu­el­len Top vier der FIFA-Weltrangliste die bei­den Halb­fi­nal­spie­le bestrit­ten, ent­larvt das gan­ze Brim­bo­ri­um. All die zusätz­li­chen Spie­le haben letzt­lich kei­ne ech­ten sport­li­chen Über­ra­schun­gen gebracht. Statt­des­sen beka­men wir ver­ord­ne­te, drei­mi­nü­ti­ge Trink­pau­sen in jedem Spiel auf­ge­brummt, die den Spiel­fluss in vier Vier­tel zer­stü­ckeln. Angeb­lich zum Hit­ze­schutz, auch in voll kli­ma­ti­sier­ten Sta­di­en, in Wahr­heit aber ein per­fek­tes Zeit­fens­ter für zusätz­li­che TV-Werbung und Taktik-Besprechungen der Trai­ner, das sich wohl bald als Stan­dard eta­blie­ren wird. 

Und die tota­le Über­tech­ni­sie­rung macht das Spiel ver­meint­lich fai­rer, raubt ihm aber jede Spon­ta­nei­tät. Absurd wird es, wenn im Vier­tel­fi­na­le zwi­schen Eng­land und Nor­we­gen der Ball sicht­lich ein Kame­ra­seil berührt, was die Flug­bahn ändert, die FIFA aber stur auf ihren Chip im Ball ver­weist, der angeb­lich nichts gemes­sen hat, und das eigent­lich irre­gu­lä­re Tor zäh­len lässt.

Ein System ohne Notausgang

Wie es bes­ser wer­den kann? Ver­mut­lich über­haupt nicht. Es ist sys­tem­im­ma­nent, dass ein glo­ba­ler Mono­pol­ver­band wie die FIFA, der qua­si den gesam­ten Welt­fuß­ball kon­trol­liert, extrem anfäl­lig für Kor­rup­ti­on, poli­ti­schen Ein­fluss und Son­der­wün­sche ist. Je grö­ßer und teu­rer die­se Tur­nie­re für die Aus­rich­ter wer­den, des­to wil­li­ger beugt sich der Ver­band den Bedin­gun­gen der Gastgeber.

Einen gro­ßen Knall oder gar einen ech­ten Neu­an­fang erwar­te ich nicht. Dafür fließt ein­fach noch zu viel Geld. In den kom­men­den acht Jah­ren, bis zur sicher rich­tig fair ver­ge­be­nen WM in Saudi-Arabien, wird sich an die­ser Rich­tung wohl nichts ändern. Es ist der kon­se­quen­te, trau­ri­ge Pfad eines Sports, der sich selbst längst ver­lo­ren hat, wäh­rend die Fans still und lei­se wei­ter auf Distanz gehen.

Bei­trags­bild: Dar ius/Pexels

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