no ai is really just invisible ai
jonas ussing hat in den letzten zwei jahren sechs videos veröffentlicht, in denen er gegen den marketing-mythos der modernen film industrie argumentiert, dass filme ohne computer generierte effekte (CGI) etwas gutes seien. sein hauptargument ist auch der titel seiner reihe:
“NO CGI” is really just INVISIBLE CGI (playlist aller 6 videos)
fast immer wenn beim marketing eines film behauptet wird, alles sei echt, alle stunts und effekte seinen „praktisch“ (practical) gefilmt und nicht am computer generiert, stimmt das immer nur so halb. stundenlang seziert jonas ussing in seinen videos solche behauptungen von practical effects. ich habe die filme von jonas ussing imemr wieder hier empfohlen und tue das nach wie vor.
(youtube: hniWOH_zwh8)
ich habe mir den titel von jonas ussings video-reihe mal geborgt, weil ich glaube, dass bei „CGI“ und „AI“ oder „KI“ die gleichen effekte wirken.
zum einen wirkt marketing nur, wenn es auf fruchtbaren boden fallen kann. die behauptung: „kein CGI in diesem film“ wird ja nur deshalb gemacht, weil sie ein qualitätsversprechen ist, das einen wunsch des publikums abbildet. dass sich das versprechen dann bei genauerer betrachtung als kleine lüge herausstellt ist nicht schlimm, solange das CGI-gedöns unsichtbar, unmerklich bleibt.
auch die härtesten kritiker von KI haben keine oder kaum probleme mit dem, was unserere taschenrechnerkameras (smartphonekameras) seit vielen jahren produzieren: bilder die nicht mehr einfach das abbilden was linsen und sensoren eingefangen haben, sondern bilder die eine algorithmisch rekonstruierte interpretation der fotografierten szene sind. moderne taschenrechnerkameras rekonstruieren aus messdaten ein bild, das darauf optimiert wird unserere erwartung zu entsprechen, wie die welt aussieht.
bereits 2018, mit dem iphone XR, sprach apple davon, dass die bildverarbeitungspipeline auch die hilfe einer neural engine in anspruch nähme.
in unseren taschenrechnern werkelt also seit fast 10 jahren KI (machine learning) an unserern bildern rum. aber das stört uns nicht, weil das was rauskommt, genau unseren erwartungen entspricht und damit quasi unsichtbar ist.
auf wired.com erschien dieser tage ein artikel von maxwell zeff mit dem titel „Silicon Valley Doesn't Get Why You Hate AI“
The AI backlash was not caused by scary warnings about the future from tech CEOs, or the fact that OpenAI and Anthropic have not yet cured cancer. It’s about the ways AI is already starting to change society, which many Americans fear is for the worse.
oder mit anderen worten, der gegenwind, den KI nicht nur in den USA, sondern auch hier erfährt, liegt nicht nur daran dass KI-slop die medien verstopft oder KI-firmen die tolle zukunft, die uns KI bringen soll, nicht gut genug kommunizieren, sondern auch daran das wir jetzt schon beobachten können, wie diese technologie vertrauen erodiert, gesellschaftliche konflikte schürt und unsicherheit säät — so wie jede neue technologie die gesellschaft, geschäftsmodelle, lebensweisen verändert.
allerdings erscheinen die veränderungen die KI verursacht im unterschied zu vorherigen disruptionen durch technologiewandel, offenbar selbst hartgesottenen technologiefans und nerds unheimlich und unberechenbar. mir auch.
während das internet auch auf heftigen widerstand bei der gesellschaftlichen adoption traf, schienen immer irgendwie die vorteile zu überwiegen, auch wenn das internet die gesellschaft und die wirtschaft an vielen stellen auf den kopf stellte.
bei KI summieren sich die vor- und nachteile offenbar mehr und mehr zu einer negativen summe. und dagegen scheinen KI-firmen weder mit PR-kampagnen, noch mit immer blumigeren versprechen anzukommen.
das unbehagen, was viele menschen gegenüber KI haben, gleicht dem unbehagenm das viele menschen gegenüber donald trump haben. plötzlich ist da etwas, das an wichtigen schaltstellen der welt sitzt, das enorme macht und wirkmächtigkeit hat, aber gleichzeitug auch schlampig, verlogen, geschichtsvergessen arbeitet — und keinen geschmack und anstand hat. trump und KI machen uns auch deshalb angst, weil es so viele menschen gibt, die ihnen vertrauen oder sich vorteile von ihnen erhoffen und sie in machtvolle oder potenziell allmächtige positionen heben. wir beobachten trump und KI beim dilettieren und dass sie sich kaum einhegen oder kontrollieren lassen.
Jep. Ich setze KI ein. […] KI als Lektor. […] KI zum Ausloten von Optionen. Ja, ich liess manchmal KI Entwuerfe auf Basis meiner Ideen schreiben, um Richtungen auszuloten. Natuerlich habe ich danach diese Rohmasse redigiert, neugeschrieben, oder verworfen. Manchmal kam ich auch mit einem Problem zum LLM, und wir haben besprochen, welche Loesungen es geben kann.
aus meiner sicht ist eine solche nutzung von KI genauso legitim, wie eine bildverarbeitungspipeline in einem taschenrechner, so wie CGI kein CGI ist, so lange es unsichtbar bleibt. oder besser, solange das anthropomorphe, das menschliche, das handgedachte sichtbar und klar erkennbar bleibt.
andererseits ist es genauso legitim über so eine arbeitsweise zu denken: „Das ist mir zu viel KI.“
ben_ beobachtet, dass KI dazu beiträgt text zu entwerten.
Text ist und war schon immer ein Gewebe eigener und fremder Gedanken und Worte, geformt durch nicht-simplizistische Prozesse und Werkzeuge. Im Weinberg des Textes und so …
… aber … [mit KI] sinkt der Wert aller Texte, automatisch. Egal, wie viel oder wenig. Text fällt im Wert und Text gerät unter Generalverdacht und wird es fortan bleiben.
im prinzip gehts wieder um die wurst. einerseits in dem sinn, dass wir als gesellschaft wieder wege finden müssen die verwerfungen der technologie so zu navigieren, dass wir unsere gesellschaften zusammenhalten können und vor dem auseinanderbrechen bewahren können. gesellschaftliche krisen die durch technologiewandel ausgelöst wurden, haben wir in der jüngeren geschichte ja schon öfter — mehr oder weniger erfolgreich — navigiert.
aber andererseits gehts auch um die herstellung der wurst. ich zitiere alle paar monate dieses zitat von teller:
Sometimes, magic is just someone spending more time on something than anyone else might reasonably expect.
wenn wir wieder „handdenken“ (wortschöpfung: dvg), mehr arbeit in texte stecken als sich irgendwer vorstellen kann, haben wir vielleicht die chance den wert von text wieder zu steigern — auch wenn der generalverdacht bleiben wird.
text und andere kreative gewerke haben noch chancen, wenn der herstellungsprozess genau so sichtbar gemacht wird, wie es filmstudios gelegentlich in ihrem marketing versuchen, wenn sie behaupten ein film enthalte (angeblich) „no cgi“.
wer wurst herstellt und dafür konsumenten finden will, wird künftig möglicherweise nicht mehr umhin kommen, den herstellungsprozess so transparent wie nur möglich darzustellen. das heisst aber auch, ein einfaches label „no AI“ / „keine KI“ wird nicht reichen, da muss auch ganz viel differenziert werden. einfache label werden nicht reichen. harte und viel kreative hand- und denk-arbeit allein auch nicht.
so wie jonas ussing mit viel mühe über 6 videos hinweg die behauptung „no CGI“ als kleine oder grosse lüge entlarvt hat, werden auch label wie „no AI“ oder „keine KI“ nie die ganze wahrheit über die herstellung kreativer arbeit ehrlich abbilden. es ist immer komplizierter als man denkt. so wie „made in germany“, „selbstgebackenes brot“ oder „ohne konservierungsstoffe“ auch immer nur einen teil der geschichte erzählen.
vielleicht sollten wir uns statt auf labeling, eher darauf konzentrieren unserer KI-nutzung in bessere worte zu fassen? eine sprache dafür finden, um zu beschreiben wie wir arbeiten. vielleicht lohnt es sich darüber zu reflektieren, was wir von kunst, text und kultur eigentlich genau erwarten, was uns eigentlich wichtig ist? was wir eigentlich wollen? wo die grenzen verlaufen, wo wir die pflöcke einschlagen?
schön und lesenswert in diesem zusammenhang:
anmutunddemut.de: Das Wesen von Werkzeugen
quellen
konnexus.net: KI beim Schreibprozess von Stitchson
anmutunddemut.de: Die Entwertung von Text
dirkvongehlen.de: Handgedacht! Zur Kennzeichnungs-Pflicht bei Künstlicher Intelligenz
wired.com: Silicon Valley Doesn't Get Why You Hate AI
youtube.com: “NO CGI” is really just INVISIBLE CGI
ausserdem
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