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selbstorganisierende soziale netzwerke

ix
Sep 2, 20266 min read

technisch gesehen waren es drei dinge die anfang der zweitausenderjahre für das blogdings entscheidend wichtig waren: der permalinks, RSS und blogrollen. man konnte, damals wie heute, einfach auf einer handgeklöppelten webseite in internet schreiben, aber mit den anfang der 2000er aufkommenden content managmentsstemen wie wordpress (oder seinem vorgänger b2), mit movable type oder textpattern, wurde das ganze etwas einfacher und man konnte beiträge einfach mit permanenten links veröffentlichen, die dann auch noch automatisch in ein archiv eingeordnet wurden oder sich verschlagworten liessen. man konnte sich damit aufs schreiben konzentrieren, der organisatorische kram liess sich weitgehend automatisieren.

anke gröners blog hatte legendärerweise bis ende 2004 keine permalinks (so sah das aus). als sie das im november 2004 umbaute, freute ich mich, weil man dann endlich einzelne beiträge von anke verlinken und sich darauf beziehen konnte. mit permalinks konnte man einzelne beiträge empfehlen, kommentieren oder ergänzen. als leser konnte man sich so von beitrag zu beitrag und von blog zu blog hangeln. und wenn einem ein beitrag gefiel, abonnierte man das blog in seinem RSS-reader. serentipität nannte man das damals auch.

weiteren stoff für den RSS-reader fand man in den seitenleisten von blogs. listen mit blogs, die der autor oder die autorin des blogs empfahl oder selbst gerne las. diese blogrollen, die serentipität, das von einer empfehlung zur nächsten hüpfen und die abonnierbarkeit von blogs reichten aus, um aus webseiten ein soziales netz zu machen. man las sich und lernte andere zuerst durch das geschriebene wort und später auch durch durch treffen in der fleischwelt kennen, 2005 zum beispiel, auf der blogmich-party oder 2007 auf der ersten republica.

aber blogs waren nicht der einzige weg soziale netze im web aufzuspannen. foren funktionierten unter umständen genauso. legendär ist da zum beispiel das höfliche paparazzi-forum, bei dem es auch hier und da überschneidungen zur blog-sphäre gab. in der zeit zwischen ungefähr 2001 und 2007 kamen viele dinge zusammen, die das internet zu einem ort der sozialen vernetzung machten. die technik, wie frei verfügbare content managment systeme oder gehostete blogdienste wie antville, blogger.com und später blogger.de, die ins internet schreiben für viele einfach(er) machten. permalinks und blogrollen, die querverweise, verbindungen und empfehlungspipelines zum entlangsurfen bildeten und später von blog- und tag-suchdiensten wie technorati verstärkt wurden, mit denen dann blogs mit damals ziemlich offnen plattformen wie del.icio.us ode flickr verzahnt werden konnten.

bloggertreffen wie die blogmich-party oder die futura-bold-veranstaltungen von spreeblick (und ab 2007 die republica), stärkten diese bindungen zwischen leuten, die sachen im internet machten (und in berlin wohnten), dann weiter.

der witz war damals, dass das alles selbstorganisierend war. mit ein paar, auf den ersten blick obskuren und unverständlichen technologien wie permalinks, RSS/XML, linklisten/blogrolls, tags/schlagworten und gelegentlichen veranstaltungen, bildeten sich echte, dauerhafte soziale beziehungen. aufkommende plattformen unterstützten das und verstärkten diese netzwerkeffekte. ich glaube ein weiterer meilenstein war 2005 der google reader. er machte es nochmal einfacher blogs, über die man stolperte oder die man mochte, zu verfolgen. technorati half beiträge und blogs über themen zu finden.

aber der kern des ganzen waren empfehlungen. wenn ich A mag und A mir B empfiehlt, kann ich davon ausgehen, das ich B auch mag. und weil links zu anderen blogs oft in textwüsten verborgen blieben, waren blogrollen sozusagen der schnellzugang zu diesen empfehlungen.

aus einer forschungsarbeit zu den „praktiken des bloggens“ von jan schmidt von 2005:

Die „Blogroll“ enthält Verweise auf andere Weblogs, meist als Leseempfehlungen oder Listen befreundeter oder regelmäßig gelesener Autoren. Da die Blogroll in der Regel permanent auf der Startseite eines Weblogs sichtbar ist, besitzen diese Relationen einen stärkeren Stellenwert gegenüber den vergleichsweise flüchtigen Verweisen in Einzelbeiträgen, die nach einer gewissen Zeit von der Startseite verschwinden und nur noch im Archiv aufzufinden sind

darüber schrieb 2024 auch robert alexander:

Since the earliest blogs were published, blogrolls helped readers discover new blogs. Each blogger could promote the blogs they follow by listing them somewhere on their site (their blogroll). Readers could discover these suggestions as they browsed, helping them explore the blogosphere. A blogroll could be as simple as a list of hyperlinks, although recent tooling has become more advanced.

und dieses „more advanced recent tooling“ ist genau das, was ich gerade sehr spannend finde. so wie es damals, anfang der 2000er eine grosse erleichterung war, dass content managment systeme die texte, die ich ins internet schreiben wollte, automatisch in archivierbare, permanentverlinkte einzelbeiträge arrangieren konnten und ich bei einer aktualisierung nicht alles neu in html stricken musste, gibt es jetzt tools die mir die pflege, das anzeigen und die portabilität meiner leseempfehlungen erleichtern.

frank westpfahl von rivva stiess uns/mich vor ein paar wochen auf die neuen möglichkeiten für sowas, als er auf das (wordpress) blogroll-plugin von matthias pfefferle hinwies.

A blogroll is a list of the sites you read, put on your own site so other people can find them. This plugin adds one block for that. You collect the links, the block renders them on your page, and visitors can take the whole list with them into their feed reader.

also mit anderen worten: so wie bisher einfach eine liste mit empfehlungen anlegen, nur dass die liste zusätzlich noch etwas angereichert wird mit einem icon, links zum feed und das ganze von anderen (mit ein bisschen RSS/OPML/XML-magie) einfach in ihren RSS-reader mitgenommen werden kann. ich hab das schnell nachgebaut für mein kirby und spiele seitdem begeistert damit rum.

durch den artikel von robert alexander hab ich dann gesehen, dass die grundidee vom gleichen menschen, wie die grundidee von RSS (und podcasts) kam: dave winer hat das vorgeschlagen und sein dienst feedland macht das schon einen ganze weile so: man kann sich dort anmelden und entweder eine eigene liste von blogs anlegen die man gerne liest, die liste aus seinem feedreader importieren oder aus den blogrolls von anderen kopieren.

ich hab das gestern mal ausprobiert: meine starterpack blogrolle importiert ergibt das gleiche in grün auf feedland: eine liste von blogs die ich empfehle oder eine liste der beiträge der blogs die ich selbst sehr gerne lese (feedland / wirres.net).

der vorteil von dieser formalisierten, strukturierten oder eben maschinenlesbaren liste ist, dass leichter zu pflegen ist und ich selbst und andere auch gleich sehen können, was aus den abos rauskommt. ich sehe also, wenn ich will, nicht nur eine empfehlungsliste, sondern auch gleich was drinsteckt, umgekehrt chronologisch geordnet.

seit kurzem geht das auch mit follow.rivva.de (wenn man rivva unterstützt).

die qualität oder der nutzen eine blogrolle hängt natürlich nicht an der maschinenlesbarkeit, aber diese maschinenlesbarkeit und portabilität öffnet viele neue, wie ich finde, spannende möglichkeiten.

man könnte visualisieren, wie blogs zusammenhängen, man könnte feeds abonnieren, die einem nicht nur neue beiträge in den feedreader spülen, sondern auch neue blogempfehlungen. oder man könnte thematische blogrollen-pakete schnüren. oder seinen feedreader zum bersten füllen.

aber das entscheidenste ist, blogrollen könnten genauso wie gute blogs funktionieren die man gerne liest: sie können überraschen, erfreuen, nachdenklich machen, einem fremde welten erschliessen und weiterempfohlen werden.


auch lesenswert:

couchblog.de: Blogroll, wtf?!

Früher™ war bloggen eine Tätigkeit, die sich in min­des­tens zwei Bereiche aufteilte: Blog schreiben und andere Blogs lesen. Dazu nutze man seinen Feed­rea­der, wo die Liste der re­gel­mä­ßig gelesenen anderen Blogs zu finden war und das war und ist die Blogroll.

konnexus.net: Blogroll FOMO

Was ich bei den anderen aber vor allem mag, und ich auch machen moechte, sind die kurzen Be­schrei­bun­gen zu jedem Blog. Die sind naemlich in­di­vi­du­ell, die machen eine Blogroll per­soen­lich.

bubbles.town: Bubbles — 5305 blogs

das ist die OPML-datei aller derzeit 5305 blogs die bubbles.town kennt.

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